Das Paradies, es leuchtet!

August Macke, Farbkomposition, 1913




IX.

“ … noch nie den Kopf so voller Bilder gehabt wie jetzt“, schreibt August Macke aus Tegernsee, wohin er zusammen mit seiner Ehefrau Elisabeth im Herbst 1909 von Paris aus reiste, um dort auf Einladung des Schriftstellers Wilhelm Schmidtbonn zu leben. Es sollte ein arbeitsintensives Jahr vergehen, in diesem Idyll, bis er im November 1910 nach Bonn zurückkehren wird. Vieles wird sich in diesem Jahr ereignen. Sein Leben, seine Farben – alles ist in Bewegung. „Unbeeinflusst, trotz der zweifellos starken Einflüsse“, findet August Macke im Tal der Tegernseer Berge und des Mangfallgebirges immer mehr zu seinem malerischen Ausdruck.

An zahlreiche Aufstiege auf die Gipfeln von Rieder- oder Fockenstein, Hirschberg oder auch an die Blauberge oberhalb des Tegernsees muss ich denken, wenn ich mir die Farbkomposition von August Macke ansehe, die 1913 entstand. Vielleicht hat sich August Macke auch von den Berglandschaften im schweizerischen Hilterfingen inspirieren lassen, als er dort 1913 am Thuner See weilte? Wer weiß. Ein faszinierendes Zusammenspiel von Licht und Farben. Was für ein Leuchten! Was für ein Flirren! Gleißendes Sommerlicht. Die Sonne steht strahlend am Firmament. Vor der imposanten Alpenkette ruht still ein Bergsee, in dem sich, komplementär, die Farben der Gipfeln widerspiegeln. Afrika! Eine Oase in einer Steppenlandschaft. Mir kommt die berühmte Tunisreise in den Sinn, die August Macke 1914, wenige Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, zusammen mit Paul Klee und Louis Moilliet unternahm. In einem Schaffensrausch entstehen unzählige Aquarelle, Skizzen, aber auch Fotografien.

Das Paradies, es leuchtet.

Die raumbildenden Energien der Farbe zu finden, statt sich mit einem toten Helldunkel zufrieden zu geben, das ist unser schönstes Ziel.
August Macke


Aus dem Arbeitsjournal, Anfang Februar 2021



DER AUSFLUG

Du, ich halte diese festen
Stuben und die dürren Straßen
Und die rote Häusersonne,
Die verruchte Unlust aller
Längst schon abgeblickten Bücher
Nicht mehr aus.

Komm, wir müssen von der Stadt
Weit hinweg.
Wollen uns in eine sanfte
Wiese legen.
Werden drohend und so hilflos
Gegen den unsinnig großen,
Tödlich blauen, blanken Himmel
Die entfleischten, dumpfen Augen,
Die verwunschnen,
Und verheulte Hände heben. –


Alfred Lichtenstein (1912)
aus „Menschheitsdämmerung – Ein Dokument des Expressionismus“, 1920




Eine Veröffentlichung begleitend zur Ausstellung August Macke. Paradies! Paradies?
im Museum Wiesbaden im Rahmen der Aktion #ComMuWity und meiner Reihe #MeinBlauerReiter.

Ein Gedanke zu “Das Paradies, es leuchtet!

  1. Ich habe, in dieser tristen Zeit, dass Gefühl, die Farben wirken auf mich viel intensiver, als zuvor.
    Es ist sehr interessant, auch in Hinblick auf die Zeit, Mackes und Franz Marc, sich mit dem blauen Reiter und den Künstlerbiographien zubeschäftigen.

    Vielen Dank für die farbenfrohen Beiträge.

    Gefällt 1 Person

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