Ein großes Nichts ist der Mensch neben einem Berg

Tagesschnipsel August 2024


Ein großes Nichts ist der Mensch neben einem Berg.
Also ständig möchte ich nicht in den Bergen wohnen.
Dann wohn ich schon lieber im Flachland.

Ödön von Horváth
Der ewige Spießer


13. August 2024

Dieser Tag also noch heißer als der Gestrige. Schon in aller Frühe werden ringsum in den Gärten die Sonnenschirme aufgespannt. Bereits kurz vor sieben sitze ich an meinem Arbeitstisch, das Fenster zum Garten weit geöffnet. Noch ist es gut auszuhalten, in der Kühle des Morgens. Noch lässt sich vereinzeltes Vogelgezwitscher vernehmen, bevor es im Flirren eines langen Sommertages verstummen wird. Mein vorletzter Tag, ehe ich meine Sommerfrische unterbrechen oder nein, nach Hildesheim verlegen werde. (Dort soll es angenehmere Temperaturen haben!) Von Tag zu Tag kehre ich nun mehr in das Tun zurück. Texte entstehen.


12. August 2024

Schon früh an diesem spätsommerlichen Montag beginnt die Luft zu flimmern. Flirrende Hitze vor den heruntergelassenen Rollos in meinem Arbeitszimmer. Wieder einer dieser heißesten Tage des Jahres. Am Ende der Woche bin ich bereits wieder in Hildesheim, bei unserem Spießer. Ich versuche geplante Texte für das Blog weiterzudenken. Auf dem Tisch vor mir ein farbenfrohes Durcheinander von Kunstpostkarten, mit expressionistischen Motiven von Münter, Kandinsky und Macke. Mitbringsel von meinem Murnauer Sommerfrischetag, aus den Shops von Schloßmuseum und Münter-Haus. Darunter zwei Fotografien in schwarzweiß. Eine Aufnahme zeigt Gabriele Münter vor ihrem Haus, im Kies liegend, neben ihr eine Glasschüssel. Aufgenommen von Wassily Kandinsky, wohl im Sommer 1909. Der Schatten seines (Stroh) Huts hat es mit auf die Fotografie geschafft. Die zweite Aufnahme zeigt den jungen Ödön von Horváth, um 1930/31, aus der Zeit, als sein Spießer erschienen ist. Etwas nach vorn übergebeugt, den Blick zur Seite gewandt, schwarze Krawatte. In ähnlicher Haltung porträtierte ihn, den vielversprechenden Nachwuchsdramatiker, auch Gabriele Münter, nachdem die beiden sich in Murnau begegneten und die Malerin in Berlin die Uraufführung seiner Italienischen Nacht erlebte: »Horváth in roter Jacke«. Ein weiteres Porträt, das Münter von Horváth sitzend an der Schreibmaschine anfertigte, gilt als verschollen. Von Zeit zu Zeit nehme ich die eine oder andere Postkarte zur Hand, betrachte sie mal mehr mal weniger genau, halte inne. Die Gedanken kreisen, eilen fort zu den Kalkalpen. Zwischenzeitlich schieben sich einzelne Hildesheimer Spießer-Szenen dazwischen. Schnelles notieren neuer Erkenntnisse. Darüber ist es später Nachmittag geworden. Über den Bergen türmen sich bedrohlich hohe Wolkengebilde. Bissfreudige Fliegen schwirren in der drückender Schwüle umher. Von den zu schreibenden Texten ist noch nicht viel zu sehen. Die Berge sind im schweren Sommerdunst verschwunden. 


10. August 2024

Mit Aylin nach Murnau.

Das Theater wähnt sich noch weit, wenn sich auch einzelne Szenen aus dem Spießer immer mal wieder hervortun. Also hinüber, auf einen Tag Sommerfrische ins Blaue Land! Dicht be- und gedrängt steht der, der sich keinen Sitzplatz mehr sichern konnte. Früher Samstagmorgen am Münchner Hauptbahnhof. Bereits eine halbe Stunde vor Abfahrt ist die Regionalbahn Richtung Garmisch-Partenkirchen rappelvoll; schon staut es sich in den Gängen und an den Eingängen. Verspätet Herbeieilende stehen mit großen Augen vor den sich kaum noch zu schließenden Türen. Da geht doch noch was und behänd wird versucht, sich und das monströse Mountainbike in die protestierende Menge zu quetschen. Schon kommen einem leise Zweifel, ob das so eine gute Idee gewesen ist, das mit Murnau, an einem Samstag in der Ferienzeit. So muss es auch damals gewesen sein, als die Städter das Voralpenland für sich und ihre Sommerfrische entdeckten. Hinaus, hinaus, aufs Land und in die Berge.

Die Bahn setzt sich in Bewegung. Raus aus der Stadt, am Starnberger See und an Tutzing vorbei, über Weilheim hinfort nach Murnau. Eine überraschend überschaubare Anzahl von mit Wanderstöcken bewaffnete Sommerfrischler sammelt sich auf dem Bahnsteig, um dann in alle Himmelsrichtungen auszuschwärmen. Erst einmal kräftig ein- und ausatmen. Wir nehmen den Weg hinein in den Markt, die Bahnhofstraße entlang, an dem Grundstück vorbei, auf dem einst das Landhaus der Familie Horváth stand und Anfang der 1970er Jahre abgerissen wurde. Es wich einem einfältigen Wohnhaus, mit Arztpraxis und Apotheke. Allein die Wandaufschrift »Horváth-Haus« und ein Infoschild erinnern an dieser Stelle noch an das Familienrefugium der Horváths.

Noch ist es ruhig im Ort, als wir den ansteigenden Weg hinauf nehmen zur spätbarocken Kirche St. Nikolaus, dem Wahrzeichen Murnaus. Die Kirche und der sie umgebender Friedhof ist in spätsommerliches Morgenlicht getaucht, als wir an den Gräbern von Gabriele Münter, einer der Pionierinnen des expressionistischen Blauen Reiters, sowie Marie und Josef Prehnal, Großmutter und Onkel von Ödön von Horváth, vorbeischauen. Blickt man von den nebeneinander liegenden Gräbern hinüber auf die andere Seite des Ortes, entdeckt man in direkter Linie das Haus von Gabriele Münter, in dem die Kunst seinerzeit lebhaft diskutiert wurde und das heute tagtäglich Kunstliebhaber:innen aus aller Welt anzieht. Auch wir werden heute noch drüben in den blühenden Sommerrabatten stehen, rekonstruiert nach Originalskizzen von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, und hinabschauen, auf das malerische Murnau, das Ödön von Horváth zu seinen Volksstücken und Erzählungen inspirierte. Wir werden unter Apfelbäumen sitzen, deren reife Früchte von Zeit zu Zeit in die Wiese plumpsen. (Ich werde mir von der leicht säuerlichen Sorte einen stibitzen.) Drüben werden die Glocken von St. Nikolaus um kurz nach drei Uhr nachmittags den Sonntag einläuten. Eine scheinbare Idylle. Damals wie heute.

Ein schöner Sommertag im Blauen Land, der im Schloßmuseum mit dem Besuch der neuen Dauerausstellung über den Blauen Reiter begann und mit einem ausgiebigen Spaziergang hinunter ins Murnauer Moos seinen Abschluss fand. Und noch einmal, bevor sich die Hildesheimer Proben zu seinem Spießer fortsetzen, schaute ich bei Ödön von Horváth vorbei, in seinem Raum, unter dem Dach des Schloßmuseums. Neue Gedanken.



»Ich denke viel an Murnau – an Euch, an den Schnee, an das Land.«
Ödön von Horváth, 1927


9. August 2024

Es sind noch ein paar Tage hin, bis zur Wiederaufnahme der Proben zu Der ewige Spießer am Theater Hildesheim. Noch ist Zeit, sich ein wenig auszuruhen, den Kopf aufzufüllen, mit der einen oder anderen Idee, neue Inspirationen zu sammeln. Ein schöner Sommertag nimmt seinen Lauf. Hannah Bischof aus Berlin hat sich für das Wochenende in München angekündigt und natürlich treffen wir uns in der Stadt, um ein wenig Zeit miteinander zu verbringen. Ein kleiner Spaziergang führt uns vom Königsplatz aus in Richtung Englischer Garten, vorbei an Hofgarten und Haus der Kunst, zum Fräulein Grüneis, einem der schönsten Kioske der Stadt. (Das Grüneis, auch so ein typischer Ort für einen Horváth. Es hätte ihm dort glaub ich gefallen.) 

Schon viel zu lange hatte ich dem Fräulein keinen Besuch mehr abgestattet. Längst ist es kein Geheimtipp mehr. Wie eh und je empfiehlt sich das legere Fräulein Grüneis besonders im Sommer, wenn die Hitze auf die Stadt und manch einem aufs Gemüt drückt, wenn der gestresste Großstadt- und Tourimensch eine Oase im hektischen Trubel sucht. Und sei die Schlange vor dem Tresen noch so lang, die Stimmung bleibt gelassen. Seit das ehemalige Toilettenhäusl, am Rande des Englischen Gartens an der Lerchenfeldstraße gelegen, 2011 zu einem schmucken Parkkiosk umgebaut wurde, treffen sich die Münchner:innen dort zu allen Jahreszeiten, entweder um kurz Auszuschnaufen oder um sich im Vorbeigehen mit einer kleinen Brotzeit einzudecken. Ob nun die coolen Wellenreiter:innen vom nahen Eisbach vorbeischauen oder die Anzugträger aus den umliegenden Büros, hier genießt ein jeder den kleinen Ort am Rande des Großstadttreibens. Hier bekommt der Enkel kurzerhand ein Eis zugesteckt, hier trifft sich die Clique zu einem Feierabendbier. 

Auch wir genossen das Fräulein Grüneis und stärkten uns für einen ausgiebigen Museumsnachmittag im Lenbachhaus. Wir schnabulierten köstlich geröstete Brote mit Humus, Tomaten, Rucola und frischer Minze, nebst kalten Braten und gegrillter Regensburger. Dazu wurde uns herrlich erfrischende Orangen-Ingwer-Limo und Apfelschorle gereicht. Ein entspannter Auftakt für einen schönen Sommernachmittag in München. Und was besonders schön war? Das sich nichts verändert hat, beim Fräulein Grüneis. In all den Jahren nicht. 

Fräulein Grüneis, Lerchenfeldstraße 1a, 80538 München, www.fraeulein-grueneis.de


Donnerstag, 1. August 2024

»Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen kann der Seele eine ähnliche Entlastung und Ruhe geben wie die Meditation.« Dem Beispiel Hermann Hesses folgend, war ich in diesen Tagen recht zeitig auf den Beinen, um die frühen und noch kühlen Morgenstunden in unserer »grünen Wildnis« zu verbringen, bevor diese uns endgültig über den Kopf zu wachsen drohte. Wie ist alles sowohl in die Höhe als auch in die Breite geschossen und ja, wie »nachsichtig« war ich doch in diesem Jahr! Auch ein naturnaher Garten will etwas gehegt sein. Gerade die Beete erzählten von meiner wochenlangen Abwesenheit und doch gab es so viel Neues zu entdecken, was das lästige Unkrautjäten zwischen den Stauden und Rosen erträglich machte. Und siehe da, nach wenigen Stunden schweißtreibender Arbeit, war es wieder etwas lichter und luftiger, zwischen all dem Grün.

Nach intensiven Spießer-Proben im Juni, verstrich mein Juli etwas leiser als geplant. Aus Hildesheim zurückgekehrt, schlug der Körper plötzlich eigenartige Kapriolen, denen es zunächst galt auf den Grund zu gehen. So dauerte es leider eine gewisse Zeit, bis ich mich wirklich in der Sommerfrische wähnte. Jetzt, Anfang August, freue ich mich über die noch vor mir liegenden freie Tage, bevor wir Mitte des Monats die Proben für den ewigen Spießer fortsetzen werden. Schon naht die Premiere! Unglaublich wie schnell die Wochen vorbeieilen, oder? Bis zur Abreise habe ich noch ein paar Tage Müßiggang vor mir. Gerne möchte ich noch nach Murnau, an den Staffelsee, neue Impressionen für das Erzählen im Blog sammeln.

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