Goethisch blau – ein Ausflug

Gastbeitrag im Rahmen von #MeinBlauerReiter
von Damian Mallepree


Himmelblau.

Der blaue Himmel, der blaue Ozean, der blaue Planet: immer ist das Blau mit einer Empfindung von Weite und Ferne verbunden. Unser Blick geht in den Himmel und wir schauen in unendliche Höhen, unser Blick geht auf das Meer und wir blicken in scheinbar unendliche Tiefen.

Ferienblau.

Wir sind am Meer und schauen aufs unendlich blaue Wasser und in einen azurblauen Himmel. Die weißen Wölkchen machen ihn nur umso blauer. Das königsblaue Strandtuch wird zu einem royalen Umhang, wie ihn schon das französische Adelsgeschlecht der Capetinger trug.

Wunderblau.

Wir fahren ins „Blaue hinein“ und wissen nicht, ob uns ein fröhlicher Sommerurlaub erwartet oder ob die Versprechungen im Reisekatalog sich als halbe Hotel-Baustelle entzaubern. Bei letzterem würden wir unser „blaues Wunder erleben“. Die Schattenseiten des Blau.

Goethisch blau.

Das Blaue führt „immer etwas Dunkles mit sich“ (Zur Farbenlehre, §778) und ist die Farbe, die dem Schwarzen oder Dunklen am nächsten ist. Blau, Rotblau und Blaurot gehören für den Naturwissenschaftler Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) zu den Farben der „Minusseite“: „Sie stimmen zu einer unruhigen, weichen und sehnenden Empfindung.“(§777).

Die „Farbenlehre“ ist das umfangreichste aller Werke des forschenden Dichters. Mich fasziniert es mehr als viele seiner Dichtungen. Warum? Weil ich es noch lange nicht ausgelesen habe, weil es eine ganze Geschichte zu den Farben liefert und vor allem: weil Goethe doch recht hatte. Dazu muss ich eine kleine Erzählung zum berühmten „Farbenstreit“ zwischen Goethe und Isaac Newton (1642-1726) aufschreiben.

Experiment-Blau.

Das Goethe-Farbenspektrum ist ergänzend zu demjenigen von Isaac Newton zu sehen. Der weltberühmte englische Gelehrte Newton kam zu seinen Ergebnissen in einem abgedunkelten Raum. Durch einen schmalen Fensterschlitz fing er durch ein Prisma den hereinbrechenden Lichtstrahl auf einem weißen Schirm auf. Dort waren die prismatischen Farben zu sehen (Experimentum crucis). Goethe dagegen war in einem tageslichthellen Raum, nahm das Prisma zur Hand und sah prismatische Farben am Übergang von dunklen und hellen Flächen. Der Versuch Goethes wurde nachgestellt und die Richtigkeit von Goethes Beobachtungen konnte bestätigt werden (siehe die Forschungen von Johannes Grebe-Ellis, 2017f., und Olaf Müller, 2015).

Cyanblau.

Das ist die Lösung. Die Lösung der Frage, welches Farbspektrum das „richtige“ sei. Also: Cyan ist zusammen mit Gelb und Magenta die Grundfarbe in der Druckindustrie. Das sind Pigmentfarben und von den Lichtfarben zu unterscheiden. (Diese werden für Monitore und Bildschirme verwendet.) Zusammen sind Blau, Gelb und Purpur (Magenta) die Grundfarben des Goethe-Farbenspektrums. Jedesmal, wenn man eine Druckerpatrone wechselt und „C- M-Y (Cyan-Magenta-Yellow und Schwarz als Kontrastfarbe für den Offset-Druck)“ liest, hat man die Grundfarben von Goethes Farbenlehre vor sich. In der Kunst gelten die Grundfarben des Newton-Spektrums: also Gelb, Rot, Blau. Beide Spektren zusammen ergeben das vollständige Farbenspektrum.

Ausflugsblau.

Der Ausflug ist mir wichtig, weil er mit Goethes Art zu forschen zusammenhängt. Alle Gelehrten, die nur in der Stube hocken und die Phänomene in freier Natur nicht kennen, waren ihm zuwider. In den „Zahmen Xenien“ schreibt Goethe: „Freunde, flieht die dunkle Kammer,/ Wo man euch das Licht verzwickt,/ Und mit kümmerlichstem Jammer/ Sichverschrobnen Bildern bückt.“

Ins Blaue Land.

Ein Ausflug ins „Blaue Land“ zum „Blauen Reiter“. Blau war die Lieblingsfarbe von Wassily Kandinsky (1866-1944) und Franz Marc (1880-1916). Beide sind die Begründer der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“. Bevor ich mich weiter ins Wasser damit wage, verweise ich auf die Beiträge von Michael Stacheder auf seinem „Theaterwelten“-Blog. Nur noch so viel: für Kandinsky war Blau die Farbe des Himmels. Er schrieb:

Je tiefer das Blau wird, desto tiefer ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem.

Wassily Kandinsky

Sowohl Kandinsky als auch Marc befassten sich mit Goethes Farbenlehre. Alexandra Loske schreibt darüber in „Die Geschichte der Farben“: „Kandinskys Theorie der Farbordnung weist eine Reihe von Ähnlichkeiten mit Goethes Ansatz auf, wie etwa den Begriff der Polarität von Blau und Gelb als Ausdruck von Dunkelheit und Licht beziehungsweise Kälte und Wärme.“

Damian Mallepree

Angabe von Quellen, damit ich Euch nicht „das Blaue vom Himmel hinunter lüge“:

  • Margarete Bruns: Das Rätsel Farbe. Materie und Mythos. Reclam 2012.
  • Otto Krätz: Goethe und die Naturwissenschaften. Callwey 1998.
  • Alexandra Loske. Die Geschichte der Farben. Prestel 2019.
  • www.farbenstreit.de : Website von Olaf L. Müller.
  • www.experimentum-lucis.de : Website zum 200-jährigen Jubiläum von Goethes Farbenlehre


Damian Mallepree  studierte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Germanistik und Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Literatur der Goethezeit. Nach dem Studium folgte ein Volontariat im Goethe-Museum Düsseldorf. Dort baute er die digitale Kommunikation auf, beginnend mit der Eröffnung des Twitter-Accounts 2015. Sein Abschlussprojekt war eine interaktive Goethe-Werkstatt zu den Naturwissenschaften. Im Anschluss an das Volontariat folgten drei Jahre im Goethe-Museum als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Zu seinen Hauptprojekten zählte das auf Partizipation ausgelegte Faust-Labor (Goethe und die Naturwissenschaften) sowie die App Goethe-Museum und die Weiterentwicklung der digitalen Kommunikation. Seit Dezember 2020 ist er für das Kulturamt Düsseldorf im Marketing tätig.

Mit dem GoetheMoMa konzipierte er ein Livestreaming-Format bei Instagram rund um den globalen Goethe-Kosmos, das 2020 mit dem #DigAMus in der Kategorie Social-Media/Videos ausgezeichnet wurde. Seit dem 1. April 2020 entstanden bis jetzt über 100 Livestreams. 

Literaturempfehlungen aus der Dramaturgie

Johann Wolfgang Goethe
Die Tafeln zur Farbenlehre und deren Erläuterungen
Insel-Bücherei 1140, Gebunden, 95 Seiten
14 Euro, ISBN: 978-3-458-19140-7

Iris Winkelmeyer
Franz Marcs Prisma
Edition Lenbachhaus 05, München 2018, deutsch/englisch, 128 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-88645-198-2
www.webshop-lenbachhaus.de

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