Zwetschgendatschi Blaues Land

Wie bei Kaffee und Zwetschgendatschi der Blaue Reiter
seinen Namen bekam

Murnau-Blick über den Staffelsee_Sommer 1908
Wassily Kandinsky, Murnau – Blick übern den Staffelsee, Sommer 1908, Öl auf Pappe. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Der heiße Sommer 1911 verabschiedete sich in diesen Tagen mit einem herrlichen Spätsommerwetter. Aus einem der geöffneten Fenster im ersten Stock wehte ein feiner Zimtduft hinaus in den Sindelsdorfer Garten. Franz Marc schloß für einen kurzen Moment die Augen, atmete den warmen Duft des Spätsommers und lächelte. Er schätzte das Landleben und  die Abgeschiedenheit, draußen im Murnauer Land. Wie liebte er es, im Moor umherzustreifen, auf der Suche nach neuen Motiven oder auf einen der nahen Berge zu wandern. Die letzten Wochen vergingen äußerst produktiv, waren ausgefüllt mit ausgedehnten Spaziergängen und dem Malen. Angeregt durch neue künstlerische Eindrücke entstanden zahlreiche Bilder und Skulpturen und immer wieder neue Skizzen und Ideen. Die ruhelosen Jahre gehörten wohl endgültig der Vergangenheit an. Es lag so viel Neues in der Luft! Die Vision des Aufbruchs in eine neue Zeit beflügelte ihn. Voller Tatendrang machte er sich an die Umsetzung eines Almanachs, einer Idee, die ihm Wassily Kandinsky am 19. Juni 1911 in einem Brief schilderte: 

„Eine Art Almanach (Jahres-) mit Reproduktionen und Artikeln nur von Künstlern stammend. In dem Buch muss sich das ganze Jahr spiegeln, und eine Kette zur Vergangenheit und ein Strahl in die Zukunft müssen diesem Spiegel das volle Leben geben. (…) Da bringen wir einen Ägypter neben einem kleinen Zeh [der Name eines zeichnenden Kindes], einen Chinesen neben Rousseau, ein Volksblatt neben Picasso u. drgl. Noch viel mehr! Allmählich kriegen wir Literaten und Musiker. Das Buch kann „Die Kette“ heißen oder auch anders.“ 

Franz Marc war begeistert. Schon 1910 spielte er sich mit dem Gedanken, eine Zeitschrift herauszugeben. Inspiriert von dem Kreis junger Kunstschaffenden, der sich seit seinem Kennenlernen von August und Helmuth Macke zu Beginn des Jahres 1910 über Marianne von Werefkin, Alexej Jawlensky und Adolf Erbslöh stetig erweiterte, hat sich in seinem Leben so viel ereignet und getan. Er begann immer freier seine Kunst weiterzudenken. Beflügelt erzählt er Maria in einem Brief vom 2. Januar 1911 über die erste inspirierende Begegnung mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter: 

„Gestern Abend war ich mit Helmut [sic] [Macke] bei Jawlensky und hab mich den ganzen Abend mit Kandinsky und Münter unterhalten – fabelhafte Menschen. Kandinsky übertrifft alle, auch Jawlensky an persönlichem Reiz; ich war völlig gefangen von diesem feinen innerlich vornehmen Menschen, und äußerlich patent bis in die Fingerspitzen. Dass den die kleine Münter, die mir sehr gefiel, glühend liebt, das kann ich ganz begreifen. (…) Sie wollen mich nun alle in Sindelsdorf besuchen, desgleichen wir Kandinsky und Münter in Murnau. Ach, wie freue ich mich, später mit Dir mit diesen Leuten zu verkehren, du wirst Dich sofort wohlfühlen, auch mit Münter, glaube ich.“ 

Franz Marc öffnete seine Augen und blinzelte in die Nachmittagssonne, deren Licht sich im Laub der Bäume verfing. Das sich langsam verfärbende Laub führte eigenwillige Schattenspiele auf dem Rasen auf. Welch eine große Bereicherung waren diese neuen Freundschaften! Franz Marc war dankbar dafür, für die neu gewonnen Eindrücke und dieses lebendige Denken, das ihn forderte. Es wurde diskutiert und sich ausgetauscht. Ein neuer Künstlerkreis entstand in diesen Wochen und Monaten des Jahres 1911, der die Kunst des 20. Jahrhunderts  revolutionieren und die Malerei nachhaltig verändern sollte. 

… erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf; beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich Reiter. So kam der Name von selbst. Und der märchenhafte Kaffee von Frau Maria Marc mundete uns noch besser. 
Wassily Kandinsky, 1930 

Russis Bellen lies Franz Marc aus seinen Gedanken aufhorchen. Das freudige Kläffen kündigte die Ankunft eines gern gesehenen Gastes an. Franz musste sich mit dem Decken des Kaffeetisches beeilen. Schon sah man Wassily Kandinsky, kräftig in die Pedale seines Fahrrads tretend, um die Ecke biegen. Kandinsky, in knielanger Lederhose mit feinem Hemd und einer locker gebundenen Krawatte, stieg erhitzt ab. Seine bloßen Füße steckten wie immer in  Ledersandalen. „Kandinsky, pünktlich auf die Minute! Maria hat ihren wunderbaren Zwetschgendatschi gebacken. Mit besonders vielen Haselnussstreuseln darauf, Sie werden Augen machen!“ Franz Marc, in Vorfreude auf den nahen Genuss, konnte gar nicht mehr aufhören zu schwärmen. Eilig setzten sich die beiden Freunde an den mit einer handgewebten Decke und mit einem kobalt-blauen   Service gedeckten Gartentisch. „Wir benötigen unbedingt noch einen treffenden Namen, für unseren Almanach“, begann Kandinsky sogleich das Anliegen seines Besuches auf den Punkt zu bringen. „Was halten Sie von …“, wollte er seine Ausführung fortsetzen, als ihn Franz Marc mit einem freudigen „Na, endlich!“ unterbrach.  Franz lief Maria entgegen, die gerade aus dem Haus kam, um Kaffee und Kuchen zu servieren. Franz nahm ihr schwungvoll das große Tablett ab. „Kandinsky, schauen Sie mal, welch wunderbare Farbe diese herrlichen Zwetschgen haben! Was für ein dunkles, ausdrucksstarkes Blau! Was für ein schillerndes gelbviolett! Fantastisch, oder? Was halten Sie davon, wenn wir unsere Idee Blauer …“ „Reiter“, vollendete Kandinsky begeistert den Einfall des jungen Kollegen. Der Blaue Reiter war geboren. Genial! Franz Marc gab sich zufrieden einen großen Klecks Schlagsahne auf das besonders große Stück Zwetschgendatschi, das ihm Maria, noch lauwarm, auf den Teller gelegt hatte. Versonnen genoß er die Süße der Früchte, während er kauend den Gedanken von Kandinsky lauschte. 

Zwetschgendatschi Blaues Land

Zutaten
für den Quark-Öl-Teig
300 g Dinkelmehl oder Weizenmehl 405
1 Päckchen Backpulver
Prise Salz
150 g Magerquark
80 g Zucker
1 Ei
6 EL Pflanzenöl

1,5 kg Zwetschgen

Zutaten für die feinen Haselnussstreusel
150 g flüssige Butter
225 g Mehl
150 g gemahlene Haselnüsse
130 g Zucker
Prise Salz

Zimtzucker zum Bestreuen der Zwetschgen

Für den Belag die Zwetschgen waschen, entsteinen und zur Seite stellen. Für den Boden Magerquark, das Pflanzenöl, Ei und den Zucker verrühren. Anschließend das mit dem Backpulver vermengte Mehl mit einer Prise Salz zufügen und gut miteinander verrühren, bis ein geschmeidiger, glatter Teig entstanden ist. Den Teig auf einer bemehlten Unterlage auf die Größe des Backblechs ausrollen. Das Backblech mit Backpapier auslegen und den Teig darauf geben. Der Teig wird nun mit den Zwetschgen dachziegelartig, dicht beieinander stehend belegt. Den fertigen Belag mit der Zimtzucker-Mischung bestreuen. Für die Haselnussstreusel die flüssige Butter mit dem Mehl, den gemahlenen Haselnusskernen sowie dem Zucker und einer Prise Salz vermengen und leicht kneten, so dass Streuseln entstehen. Die Streusel großzügig auf den Zwetschgen verteilen. Den fertig belegten Datschi für ca. 20 bis 25 Minuten in den auf 180 Grad (Ober- und Unterhitze) vorgeheizten Backofen schieben und auf der zweiten Schiene von unten backen.

Tipp: Wer nur einen Teil der Streusel verwenden möchte, kann den Rest gut ein paar Tage im Kühlschrank aufbewahren und die Streusel noch für einen Apfelkuchen oder Obst-Crumble verwenden. 

Ein Stück vom saftigen Zwetschgendatschi Blaues Land mit Haselnussstreuseln.

Ein Gedanke zu “Zwetschgendatschi Blaues Land

  1. Kandinsky versuchte in seinen Werken eine enge Beziehung zwischen der Malerei und der Musik herzustellen. Aus diesem Schulterschluss von Musik und Kunst ergaben sich in der Kunst Kandinskys drei Gruppen von Bildern: Die „Impressionen“ als äußerer Eindruck von der Natur, die „Improvisationen“ als Ausdruck spontaner, innerer Regungen und die „Kompositionen“, die nach einem langen inneren Prozess des Schauens entstanden. Siehe auch: https://www.kunstbilder-galerie.de/kunstdrucke/kuenstler-wassily-kandinsky.html

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