„Mein guter, alter Russl“

Franz Marc, Liegender Hund im Schnee, 1911


Franz Marc, Liegender Hund im Schnee, ca. 1911, Städel Museum Frankfurt a. Main


VII.

Russi, der ungestüme vierbeinige Begleiter von Franz Marc, darf sich mit Sicherheit zu den bekanntesten Hunden des Expressionismus zählen. Wie oft ist er, von ihm unbemerkt, vor seinem Herrchen Modell gesessen oder viel mehr gelegen, gesprungen und gelaufen, in der Wiese räkelnd und alle Viere von sich gestreckt? In den Skizzenbüchern Franz Marcs finden sich unzählige Russi-Studien und neben Der Rote Hund (1911), Hund vor der Welt (1912), Ein Hund, ein Fuchs und eine Katze (1912), um nur einige zu nennen, gehört Liegender Hund im Schnee, welches in den ersten Wochen des Jahres 1911 in Sindeldsdorf auf der Staffelei stand, wohl zu den beliebtesten Werken des Blauen Reiters. 1917 wurde es vom Städel Museum Frankfurt a. Main erworben, wohin es nach einer Odyssee, ausgelöst 1937 durch die Aktion „Entartete Kunst“ der Nationalsozialisten, 1961 zurückkehren konnte. Bei einer Umfrage der F.A.Z. 2007 erkoren die Städel-Besucher:innen, noch vor dem berühmten Tischbein-Gemälde Goethe in der römischen Campagna, das Werk mit dem sibirischen Schäferhund Russi zu ihrem Lieblingsbild.  

„Ich malte meinen Russi liegend auf einem Schneefeld; ich machte den Schnee rein weiß mit rein blauen Tiefen; den Hund schmutzig-gelb. Im Prisma erschien das Gelb trübgrau, der ganze Hund von den tollsten Farbenringen eingerandet. Ich machte nun etappenweise den Hund „reinfarbiger“ (hellgelb); mit jedem Mal, mit dem die Farbe reiner wurde, verschwanden die farbigen Ränder am Hund immer mehr, bis endlich ein reines Farbverhältnis zwischen dem Gelb, dem kalten Weiß des Schnees und dem Blau darin hergestellt war“. So schildert Franz Marc in einem Brief vom 14.2.1911 an seinen Freund und Kollegen August Macke die Entstehung des Russi-Bildes. 

„Ich möchte mal wissen, was jetzt in dem Hund vorgeht.“
Franz Marc

Franz und Maria Marc hingen sehr an dem Tier, besonders Franz. Eine große Traurigkeit wird ihn erfüllt haben, als er sich Anfang Februar 1916, nach einem Fronturlaub, mit folgender Bitte an das Hausmädchen Lina wand: „So gern ich meinen alten weißen Russl habe, so bin ich doch dafür, dass Sie ihn unter allen Umständen fortgeben, und zwar, wenn sich eine Gelegenheit findet, zu irgend jemand im Dorf, der ihn nehmen will. Ich will meinem halten Hundekameraden gern sein Gnadenbrot auch bei andern Leuten zahlen. … Findet sich aber niemand, der ihn in Kost nehmen will, bitten Sie Herrn Bauer in meinem Namen, dem Russl mit einer ehrlichen Kugel den Schritt ins Jenseits zu erleichtern.“ Wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen ist, den treuen Russi, den er seit 1908 regelmässig malte, von seinem siechenden Altersleiden zu erlösen, verraten die Zeilen an Maria, die sich zu diesem Zeitpunkt in Berlin aufhält: „Mir geht immer noch mein Entschluss mit Russl im Kopf herum – ich kann aber zu keinem anderen kommen; der arme Russl kränkelnd in der fernen Rehhütte, während der Welf scharwenzelnd ums Haus läuft; früher hat Russl doch wenigstens mit seinen Blicken das Küchenfenster beherrscht. … Glaub mir: es ist das beste für ihn, wenn er von einem zu traurigen Alter erlöst wird. Wenn Du wieder daheim bist und musst es dann schließlich doch selber anordnen, wird es Dir auch nur noch viel schwerer und mir auch.“

„Wenn ich heimkomme, werd ich ihm schon irgendein künstlerisches Denkmal setzen –
vergessen wird der eigensinnige weiße treue Kerl von uns sicher nie.“

Franz Marc in einem Brief an seine Mutter, 19. Februar 1916

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