Franz und Maria – Eine Liebe zwischen Utopie und Apokalypse

Der Briefwechsel zwischen Franz und Maria Marc

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Franz und Maria Marc, 1911 in Sindelsdorf, fotografiert von Wassily Kandinsky.
 

Das Fenster steht offen, an diesem warmen Spätsommertag. Eine leichte Brise lässt seine Vögel, die über meinem Kopf, im Schnürboden baumeln, sachte ins Schwingen geraten. Wenn sich nur meine Gedanken ebenfalls von dem Sommerlüftchen bewegen ließen! Von draußen dringen wie von fern die Stimmen der Nachbarn herein, es wird gelacht und gescherzt. Mein Kopf fühlt sich dagegen dumpf an, träge meine Gedanken. Sie wollen sich kein Stückchen vorwärts bewegen. Mein Blick schweift zu dem Foto, das vor mir auf dem Tisch liegt. Der Ausdruck einer Schwarzweißfotografie. Wie lassen wir ihren Abend beginnen? Seit Tagen geht das jetzt so. Die Gedanken spielen Ringelreigen mit mir, ohne dass sich daraus eine erste, zaghafte Idee entwickeln würde. Nach einem halben Jahr, das ausgefüllt war mit intensiven lesen, suchen und sammeln, wird es nun langsam Zeit, aus dem vorhandenen Material ein Konzept zu entwickeln. Während ich weiter vor mich hin grüble, fällt mein Blick zurück auf die Momentaufnahme. 

Die Fotografie ist bekannt. Wer sich schon einmal etwas näher mit dem weltberühmten Künstler-Kreis um den Blauen Reiter beschäftigt hat, wird ihr in einem der zahlreich vorliegenden Biografien und Bildbänden des Expressionismus begegnet sein. In fast jeder Publikation über Franz Marc ist sie zu finden, die im Hochsommer 1911 im oberbayerischen Sindelsdorf von keinem geringeren als Wassily Kandinsky aufgenommen wurde.

Ich mag das Bild. Gleich zu Beginn meiner Recherchen habe ich es ausgedruckt und in mein Arbeitsjournal gelegt. Die festgehaltene Szene zeigt Franz und Maria Marc, unsere Hauptprotagonisten, als vertrautes Paar, am reich gedeckten Kaffeetisch in ihrer Gartenlaube sitzend. Die beiden haben sich für ihre Gäste fein gemacht. Ein Sonntagsbesuch? Franz, akkurat im weißen Hemd, mit gebundener Krawatte und geknöpfter dunkler Weste, sitzt dicht neben seiner Maria, die eine geschmackvolle weiße Bluse angezogen hat, dazu eine auffallende Halskette. In ihrem dichten, langen blonden Haar, welches sie wie immer geflochten trägt, hat sie eine von ihr sehr geliebte, silberne Haarspange gesteckt, welche sie 1908 zu ihrem 32. Geburtstag von Franz bekommen hat. Die beiden wirken, als ob sie endlich bei sich angekommen wären. All die Konflikte der vergangenen Jahre sind glücklich überstanden. Es scheint, als ob sie sich gefunden hätten. Zufrieden und zuvorkommend kümmern sie sich um ihre Gäste, schenken Kaffee aus und reichen Kuchen. Franz liebt Kuchen.  

Schicksalshafte Begegnung

Diesem vermeintlichen Idyll, welches Wassily Kandinsky mit seiner Kamera eingefangen hat, ging ein zähes Ringen um diese große Liebe voraus. Lange war nicht sicher, ob diese Liebe überhaupt eine Zukunft hat. Franz Marc, in privater, wie auch in beruflicher Hinsicht, ein ewig Suchender, sollte zum Mittelpunkt eines verhängnisvollen Quartett d’amour werden. Über zwei Jahre hinweg buhlten zeitweise drei Frauen um seine Liebe – und er konnte und wollte sich einfach nicht entscheiden! Ein Krieg der Gefühle, der sowohl Maria, als auch Franz emotional wie körperlich an ihre Grenzen brachte.

In München, der bayerischen Metropole, die neben Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts so expressionistisch leuchtete und Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt anzog, sollten sich ihre Wege kreuzen. Maria Franck, 1876 als Tochter von Philipp und Helene Franck in Berlin geboren, ausgebildet im Zeichnen und Klavierspiel, kam 1903, nach langen Kämpfen mit ihren Eltern, zum ersten Mal in die Stadt an der Isar, um dort ihr Malstudium an der Damen-Akademie des Münchner Künstlerinnen-Vereins aufzunehmen. „Das Leben in München wurde ja auch immer wieder unterbrochen, ich musste zeitweise zu meinen Eltern  nach Berlin zurück“, da diese ihre Tochter nur ungern und unter Protest in der fremden Stadt sahen. Maria,  die sehr aufgeschlossen war, genoß ihr freies Bohème-Leben im angesagten Schwabing in vollen Zügen und kehrte nach einem Malaufenthalt in Holstein im Februar 1904 dorthin zurück. Die darauffolgenden Monate sind für Maria recht turbulent verlaufen: sie erliegt dem Charme eines bedeutenden Künstlers und verliebt sich unglücklich in ihn. Wer der geheimnisvolle Geliebte gewesen ist, wird Maria nie öffentlich verraten – nicht ohne Grund, wie wir später noch erfahren werden. Im Herbst 1904 erfolgt unter starkem Protest eine kurze Heimreise nach Berlin. Noch immer an den Ereignissen der vergangenen Monate laborierend, fährt Maria Franck Anfang Januar 1905 wieder nach München. 

„Im Winter 1905, der für mich besonders traurig war – und in dem ich viel mit mir durchzukämpfen hatte, bin ich F. M. dann persönlich begegnet.“, so Maria Franck rückblickend in ihren Erinnerungen. Noch bevor Franz und Maria sich auf dem Bauernkirchweihball im Schwabinger-Bräu flüchtig kennenlernten, traf Maria ihn jedoch rein zufällig, als dieser in Begleitung einer Frau über den Münchner Bahnhofsvorplatz spazierte: “ … ein sehr auffallendes, ungleiches Paar: – eine kleine dunkle Dame und ein grosser gut aussehender Mann, sehr besonders gekleidet. Er trug eine hohe schwarze Pelzmütze und eine kurze Jacke aus braunem Tuch mit Schnurverzierung an den Knöpfen, der man die Pelzfütterung ansah. Er beugte sich beim Sprechen ganz tief zu der Dame hinunter. Man grüsste gegenseitig und mir wurde gesagt, dieses sei …“ Franz Marc, an seiner Seite wohl Anette Simon, geborene von Eckardt, Malerin und Antiquitätenhändlerin, äußerst belesen, Ehefrau von Professor Richard Simon, Mutter zweier Töchter und seit mehreren Monaten die Geliebte des um neun Jahre jüngeren Franz. Der Schwabinger Tratsch eilte dem ehrgeizigen jungen Maler voraus. 

Franz_Marc,_Mädchenkopf_(Bildnis_Maria_Franck),_1906
Franz Marc, Mädchenkopf (Bildnis Maria Franck), 1906, Staatliche Grafische Sammlung, München

Wenn Du meine Hand in der Deinen fühlst, so fühle, daß Du mich hast, Deinen Franz, der gibt, was er geben kann und geben will, und dies ganz gibt – ohne Rücksicht auf gut und bös, auf gesund und ungesund.
Franz an Maria, Dezember 1905


Um sich etwas von ihrem aufwühlenden Gefühlschaos abzulenken, willigt Maria ein, zusammen mit einer Kollegin das Fest beim Schwabinger Wirt zu besuchen. Doch lange hielt es Maria offenbar nicht auf dem Ball aus und „als ich meiner Kollegin sagen wollte, dass ich heimgehen würde, fand ich sie mit Marc zusammen. Er saß tief am Boden und sie saß auf seinem Knie; er sagte mir später, dass er mich lange angeschaut hätte – ohne dass ich es bemerkte -, und dass er sich dachte: wer mag dieses blonde Mädel sein?“. Ein ganzes Jahr sollte vergehen, bevor sich Franz und Maria, wieder auf einem Bauernball, Ende 1905 in Schwabing erneut begegnen. „Als ich mich still durch die Tanzenden hindurchwinde, steht plötzlich Marc vor mir – macht eine erfreute Bewegung mit den Armen und fasst mich bei der Hand.“ 

Franz Marc wird diese Hand nicht mehr loslassen. 

„Er war so ein außergewöhnlicher Mensch – auch äußerlich auffallend – mit einem wunderbaren Kopf. So zweifelte ich, dass gerade so jemand zu einem Mädchen kommen würde, wie ich es war; ich empfand mich als reizlos, dick und unbedeutend.“ 

Noch ahnt Maria Franck nicht, dass mit dieser schicksalhaften Begegnung ihr Gefühlsleben für die nächsten zwei Jahre nicht zur Ruhe kommen und dieser Mann sie bis an ihr Lebensende nicht mehr loslassen wird. Nach seinem frühen Tod wird sie sich akribisch liebevoll um sein künstlerisches Vermächtnis kümmern und seinen Nachlass verwalten. Eine neue Beziehung ist sie nicht mehr eingegangen. 

FranzMarc
Franz Marc, 1910

Ich wünsche und sehne ja so glühend Dir Freude und Glück in Dein Leben zu bringen und liebe Dich grenzenlos. Wie freue ich mich auf die Zeit gemeinsamer Arbeit! Und wenn ich Dir wirklich durch meine treue Liebe und Hingabe Lust und Freude zur Arbeit und dadurch zum Leben geben kann, hoffe ich selbst wieder glücklicher zu sein. Du sollst ein guter Maler werden – ich habe so viel Vertrauen und Liebe zu Deiner Kunst.
Maria Franck an Franz, April 1906  

 
Der Suchende 

Franz Marc, 1880 in München als Sohn des bekannten Landschafts- und Genremalers Wilhelm Marc geboren, zählt mit seinem visionären Werk bis zu heute zu den bekanntesten und beliebtesten Vertretern des Expressionismus. Kein anderer wird bis in die Gegenwart so vermarktet, wie der berühmte Schöpfer des blauen Pferdes. Dabei stieß seine Kunst zu Lebzeiten nicht gerade auf Verständnis beim Publikum. Die von den Expressionisten geforderte Revolution der Kunst, dieses neue Sehen der Welt, verstörte und irritierte.  Ja,  bei Ausstellungen waren die Kunstwerke nicht selten vor Spuckattacken  des Publikums gefeit! 

Franz, der sich seinen Weg hart erkämpfen musste, der ewig Suchende: Zuerst wollte er Pfarrer werden, dann überlegte er kurz ob er nicht doch wie sein älterer Bruder Paul die Sprachwissenschaften studieren sollte. Schlussendlich entschied er sich für eine Ausbildung an der Kunstakademie, obwohl nichts auf ein besonderes Talent hindeutete. Aber auch dieser Weg fühlte sich falsch an. Anfänglich versuchte er sich noch einzulassen, auf die dort praktizierte Lehre der Kunst, die er aber dann zunehmend als engstirnig und einengend empfand. Unzufrieden mit den Bedingungen verabschiedete er sich nach einer erlebnisreichen Frankreich-Reise 1903 von der Akademie und versuchte, völlig auf sich allein gestellt, seinen künstlerischen Weg, seinen künstlerischen Ausdruck zu finden.

In dieser Zeit des Suchens und der Unsicherheit, lernt der 24jährige Franz Marc 1904 Anette Simon kennen, eine Seelenverwandte. Der introvertierte, melancholische junge Franz fühlt sich in der Gegenwart der erfahrenen Frau sehr wohl und sucht immer häufiger ihre Gesellschaft. Die unglücklich verheiratete Anette Simon verliebt sich in ihn und bald beginnt eine leidenschaftliche Beziehung, aus der sich Franz Marc auf lange Sicht nicht befreien wird können. Noch im Begriff die Affäre mit Anette 1905 zu beenden, trifft er mit Marie Schnür und Maria Franck auf zwei weitere Frauen, mit denen er ebenfalls Liebesbeziehungen eingehen wird. Das Quartett d’amour war komplett. 

Der Briefwechsel zweier starker Persönlichkeiten

Mit dem Briefwechsel von Franz und Maria Marc liegt uns ein einmaliges und berührendes Dokument vor, welches uns die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts auf so eindringliche Art und Weise näher bringt. Wir dürfen miterleben, mit welcher Intensität und Ernsthaftigkeit sich Franz und Maria ihre Gefühlsregungen und Gedanken eingestehen, wie sehr sie sich in den Irrungen und Wirrungen der Liebe wiederfinden. Es ist beeindruckend, wie offen und direkt sie sich begegnen, gerade in den schwierigen und komplizierten ersten Jahren ihres gemeinsamen Lebens. Wie sie aufeinander zugehen und nicht von einander lassen können, dass lässt einen nicht unberührt zurück. Diesen intensiven Dialog, der im Dezember 1905 mit einem ersten Brief Franz Marcs einsetzt, werden die beiden bis ins Jahr 1911 in hundert von Briefen und Postkarten fortführen. Wir werden nur eine kleine Auswahl dem Publikum präsentieren können. Nachdem sich zwischen 1911 und 1914 das Schreiben aufgrund des gemeinsamen Zusammenlebens erübrigt, setzt im Sommer 1914, mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die Zeit der unzähligen Front- und Heimatbriefe ein, die man ebenfalls in der Lesung hören wird.

Franz und Maria, zwei starke und doch so unterschiedlche Persönlichkeiten. Mit ihrem intensiv geführten Briefwechsel gewähren sie uns auch einen ganz direkten Blick auf die Entstehung des Künstlerkreises Blauer Reiter, eine der wichtigsten Kunstbewegung der Moderne. Wir begegnen Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Paul Klee oder Marianne von Werefkin ebenso wie August Macke, der zusammen mit seiner Frau Elisabeth zu einem wichtigen Lebensfreund des Ehepaares Marc werden sollte. In farbigen und eindringlichen Worten schildert Franz Marc seine Vision von einer besseren Welt, von einer Kunst, welche die Welt verändern wird und verführt uns geschickt, für einen wahrhaftigen Moment, an diese Utopie zu glauben. Maria Marc wird ihrerseits zu einer großen Stütze ihres Lebenspartners und beschäftigt sich während der kurzen Zeit des Blauen Reiters unter anderem sehr intensiv mit der Musik von Arnold Schönberg, der ebenfalls Teil dieser gedanklichen Idee ist. Die Utopie, dass die Kunst, in jeglicher Form, dazu beitragen kann, die Welt zu einer besseren zu machen, versiegt jedoch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Zu Beginn noch Feuer und Flamme für den Krieg, erlebt Franz Marc die Apokalypse hautnah: August Macke fällt bereits in den ersten Kriegswochen, die verstörenden und schrecklichen Erlebnisse an der Front fließen in sein berühmtes Skizzenbuch aus dem Felde ein, das er zu malen beginnt. Im brieflichen Zwiegespräch fordert Maria ihn immer wieder zum Überdenken und zur Reflexion seiner Haltung heraus. Auch das macht der Briefwechsel deutlich. Wie Phönix aus der Asche, so sollte sich eine neue, bessere Welt aus den Trümmern des Krieges erheben. Ein fataler Irrglaube. 

Das Lachen der Nachbarn holt mich zurück. 

Ich blicke von der schwarzweiß Fotografie auf, die immer noch vor mir liegt. Die drückende Schwüle des Tages steht im Raum. Eine Fliege schwirrt nervös im Zimmer umher, setzt sich auf die Fotografie, verweilt einen kurzen Augenblick, um dann den Weg aus dem geöffneten Fenster zu nehmen. Ich bin müde. Jetzt habe ich doch einiges zu Papier gebracht, viel mehr als gedacht. Ich lege die Fotografie zurück zu den anderen Materialien und schlage das Konzeptbuch auf, das noch ganz unberührt auf dem Tisch liegt. Ich beginne einen Satz aus einem Brief von Franz Marc an Maria vom 10. Februar 1911 zu notieren: 

 … und dann beginnt das Gehirn zu arbeiten; man kommt nicht los von diesen Bildern und wenn man fühlt, daß einem der Kopf zerspringt, wenn man sie ganz auskosten will.
Franz Marc an Maria, 10. Februar 1911,
nach einem Besuch bei Wassily Kandinsky


Die Reise durch das Blaue Land beginnt. Eine erste Idee. 

Die Original-Zitate von Maria Marc wurden entnommen aus ihren Erinnerungen, die unter dem Titel Das Herz droht mir manchmal zu zerspringen – Mein Leben mit Franz Marc im Siedler Verlag erschienen sind.

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