Es traklt allerorten

Tagesschnipsel November 2022


7. November 2022
Es traklt. Besonders schön in den frühen Morgenstunden, wenn das Nebelgrau dicht über der Landschaft liegt, das noch vorhandene Laub an den Bäumen ermattet von den Ästen hängt und der Duft von feucht-modriger Erde vom nahen Ende des Jahres erzählt. Es traklt! Es sind die Tage, an denen sich die Frühnebel hartnäckig geben und sich so gar nicht verziehen möchten.
Georg Trakl, der österreichische Dichter, der vom Leben so Zerrissene. Er kam mir letztens wieder in den Sinn, als der Es traklt!-Ruf der Herbergsdamen frohlockend durch meine Social-Kanäle hallte. Georg Trakl. Seine melancholisch-verstörende Lyrik ist mir bei den letzten Projekten immer mal wieder begegnet, besonders als ich für Franz und Maria recherchierte und dabei die Gedichtsammlung Menschheitsdämmerung – Ein Dokument des Expressionismus neu für mich entdeckte. Wie schonungslos lässt uns Trakl mit seinen Gedichten in den Abgrund des Ersten Weltrieges blicken, dessen Menschenvernichtung 1914 seinen Anfang nahm. Nein, er schont uns wahrlich nicht, wenn er uns in den Zeilen des Gedichts Grodek die „apokalyptische Szene“ des Krieges erahnen lässt:

Grodek.
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tötlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochnen Münder.

Ich denke unweigerlich beim Lesen an die Bilder des Krieges in der Ukraine, an die dortigen versehrten Landschaften, an die Menschen, an den Blauen Himmel über Charkiw von Serhij Zhadan oder an die eindringlichen Schilderungen von Katrin Eigendorf. Grodek. Auf dem dortigen Verbandsplatz in Ostgalizien ereignen sich während der Schlacht vom 6. bis 11. September 1914 unvorstellbare, grauenvolle Szenen. Eine menschgemachte Hölle. Georg Trakl, eingesetzt als Militärapotheker, ist dort allein mit 90 Schwerverwundeten. Schwer traumatisiert unternimmt er einen Selbstmordversuch, der scheitert. Er wird in die Psychiatrische Abteilung des Krakauer Garnisonsspitals eingewiesen, wo er am 3. November 1914 nach einer Überdosis Kokain stirbt.
Ich ziehe die Trakl-Biografie von Gunnar Decker aus meinem Regal, die 2014 zum 100. Todestag Trakls im Deutschen Kunstverlag erschienen ist und blättere darin. Dabei fällt mir auf, dass ich noch nie im Trakl-Museum in Salzburg gewesen bin, obwohl es nur einen Katzensprung von hier entfernt ist. Das muss unbedingt nachgeholt werden! Während ich so über Trakl sinniere, ist es Abend geworden. Ich höre den Livestream von Deutschlandfunk Kultur, die Nachrichten. Die Weltlage, sie traklt.

Buchtipp*

Gunnar Decker
Georg Trakl
Deutscher Kunstverlag
Gebunden, 96 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-422-07177-3

8. bis 11. November 2022
Die Tage stehen ganz im Zeichen des Erinnerns an die Novemberpogrome 1938. Wie jedes Jahr Anfang November finden überall zahlreiche Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen statt, die uns die Ausmaße und Folgen dieser dunklen Tage vor 84 Jahren nur erahnen lassen. Die Aktionen der Novemberpogrome in Deutschland und Österreich zogen sich bis weit in den November 1938 hinein, mit dem Ziel, Leben und Kultur der jüdischen Bevölkerung mit Füßen zu treten, zu schänden und auszulöschen. So wurden in den Tagen nach der verheerenden Nacht der Verwüstungen und Zerstörungen vom 9. auf den 10. November mindestens 30.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt, mehrere Hunderte fanden den Tod. Mit den Novemberpogromen 1938 setzte sich das fort, was nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit der Diskriminierung von Jüdinnen und Juden seinen Anfang nahm, nämlich die systematische Verfolgung und Vertreibung bis hin zur Shoa, dem Völkermord, dem mindestens 6,3 Millionen europäische Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen. 

Auch ich habe Auftritte in dieser besonderen Woche. Es sind Abende, an die ich mich noch länger erinnern werde. Ob es nun in Miesbach, Penzberg oder Esslingen war, ob ich nun aus den Erinnerungen von Max Mannheimer oder Stefan Zweig las, jedesmal war es mir, als ob die Zuhörer*innen noch stiller waren als sonst, noch konzentrierter als sie ohnehin schon immer sind, wenn sie die Lebenswege des Auschwitz-Überlebenden oder des ins Exil vertriebenen Jahrhundertschriftstellers lauschen. Vielleicht ist es die dämmernde Erkenntnis, dass wir es als europäische Gemeinschaft wieder versäumt haben, dieses „Wehret den Anfängen“, die uns ganz still werden lässt? Was für erschreckende Parallelen zu unserer Zeit eröffnen sich den Zuhörenden. Wir hören vom Völkermord an den europäischen Juden, der vor 77 Jahren sein Ende fand und werden zugleich stumme Zeugen eines Genozids, der sich keine zwei Flugstunden von uns entfernt, auf europäischen Boden, tagtäglich vor aller Welt, seit dem 24. Februar, ereignet. Und das im 21. Jahrhundert! Wie gut tun da die Gespräche, die sich meistens nach den Lesungen ergeben. Miteinander die Gedanken teilen, aber auch die Ängste und Hilflosigkeit, die viele offen aussprechen. Spätestens in diesen Momenten werde ich mir immer der Verantwortung bewusst, die ich ein stückweit mit meinen Lesungen übernommen habe, gerade mit Blick auf die Lebenserinnerungen von Max Mannheimer: erzählen und weitertragen, wie es gewesen ist. Aber auch einen gedanklichen Raum bereiten, in dem das Zuhören und Miteinander im gemeinsamen Austausch möglich ist. Vielleicht können diese Abende gerade jetzt etwas von der Unsicherheit nehmen, die viele von uns in diesen Monaten spüren? Es wäre viel wert, denn „jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.“ Stefan Zweig, am Ende seiner Erinnerungen an eine Welt von Gestern.

15. November 2022
Am Vorabend zum morgigen Buß- und Bettag, einem hierzulande abhanden gekommenen  stillen Tag, war ich eingeladen, in Brannenburg, einem Ort nicht unweit von Aibling, einen ökumenischen Abend zu gestalten. Ich las Max Mannheimer. Und während ich noch in Gedanken bei der Veranstaltung bin, aber auch etwas müde im Zug nach Rosenheim sitze, reißt es mich schlagartig hoch, als ich auf meinem Smartphone die diffusen Meldungen von einem Raketeneinschlag auf polnischen Staatsgebiet lese. Mir stockt der Atem. Das ist er wieder, der Krieg. Der Krieg, der keine tausend Kilometer von uns entfernt tobt und dessen grausame Entmenschlichung schon manch einer vergessen machen möchte. Mit einem Schlag ist das Unfassbare wieder ganz nah. Noch wisse man nichts Genaueres. Zwei Raketen oder deren Trümmerteile wären am Nachmittag im polnischen Przewodow nahe der Grenze zur Ukraine eingeschlagen. Berichte von zwei Todesopfern. Ein Statement jagt das Nächste, Krisensitzungen werden angekündigt, der polnische Sicherheitsrat einberufen. Staatschefs versichern Polen ihre Solidarität. Polen versetzt seine Armee in erhöhte Alarmbereitschaft. Und wieder hält Europa den Atem an. Mögen sie alle die Nerven behalten! 

16. November 2022
Der Morgen dumpf. Der weltpolitische Tag beginnt mit einer NATO-Dringlichkeitssitzung. Die baltischen Länder in höchster Alarmbereitschaft. „Man sei sehr besorgt“, so der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz. Er mahnt, den Raketeneinschlag in Polen „sorgfältig aufzuklären“. Die Ukraine dementiert den Einschlag einer ukrainischen Rakete auf polnischen Gebiet. Frankreich warnt vor voreiligen Schlüssen. Noch in der Nacht gab es vage Andeutungen, dass es sich um eine ukrainische Flugabwehrrakete gehandelt haben könnte. Russland nützt die Gunst der Stunde, um die Ereignisse für seine Propaganda auszuschlachten.
Im Laufe des Tages äußern sich sowohl die polnische Regierung als auch die NATO übereinstimmend, dass es sich sehr wahrscheinlich um eine von der ukrainischen Armee eingesetzte Flugabwehrrakete gehandelt hat, die auf polnischen Gebiet eingeschlagen ist. „Dies sei aber nicht die Schuld der Ukraine“, betonte NATO-Generalsekretär Stoltenberg. „Russland allein trage dafür die Verantwortung und müsse sofort diesen sinnlosen Krieg beenden.“ Europa, die Welt, atmet auf. (Wie zynisch das klingt. Wie zynisch den Angehörigen der polnischen Todesopfern gegenüber. Und wie erst muss das in den Ohren der Ukrainer*innen klingen, für die es seit Monaten kein Aufatmen gibt. Ihr Leben, ein täglicher Überlebenskampf, der nun im Winter immer prekärer wird.)
Wieder ein Tag mehr, an dem das kriegerische Geschehen die Notizen in meinem Journal bestimmt. Während ich versuche ins Arbeiten zu finden, behalte ich die Liveblogs im Blick. Notiere die eine oder andere Idee für einen Workshop zu Stefan Zweig – Europa gemeinsam erinnern und gestalten, den ich in der kommenden Woche in Schwerin für junge Erwachsene, begleitend zu einer Lesung aus Die Welt von Gestern, halten werde. Europa – was für eine Utopie! 

17. November 2022
Der Vorfall in Polen hat die Weltgemeinschaft aufgeschreckt. Er wäre „eine beängstigende Erinnerung daran, dass eine weitere Eskalation verhindert werden müsse.“ Derweil erschüttern weiter schwere Angriffe die Ukraine. Russland habe gestern Nachmittag in einer der größten Angriffswellen der vergangenen Kriegsmonate bis zu 90 Langstreckenraketen abgefeuert, vor allem auf die so wichtige Energiestruktur des Landes. Die Ukraine steht vor einem ernstzunehmenden Problem ihrer Energie- und Wasserversorgung. Und auch heute wieder Angriffe auf Odessa. Explosionen in Dnipro und über Kyiv. Neue Kriegsverbrechen werden bekannt. In Kyiv ist der erste Schnee gefallen.

18. November 2022
Es windet. Der November zeigt sich heute ganz standesgemäß. Kühl und feucht. Ich höre den Wind, wie er sich früh am Morgen pfeifend zwischen den Lamellen des Rollos vor der Balkontür verfängt. Ich bleibe noch einen Moment im Dunkeln liegen, lauschend, bevor ich nach meinem iPhone tappe, um die App meines Lieblingssenders zu aktivieren. Es ist kurz nach fünf. Auf Deutschlandfunk Kultur hat soeben die Morgensendung begonnen, Studio 9. Mein Morgenritual. In den Pandemiejahren habe ich wieder das Radiohören für mich entdeckt. Die Literaturwelt gedenkt heute dem 100. Todestag des Romanciers Marcel Proust. Obwohl er ein Zeitgenosse Stefan Zweigs war, wenn er auch bereits 1922 verstorben ist, habe ich mich noch nie wirklich mit seinem Werk beschäftigt oder gar sein Jahrhundertepos Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gelesen. Er blieb mir immer im Hintergrund, als stiller Flaneur der Zeit. Jetzt, wo Die Welt von Gestern wieder in meinen Fokus gerückt ist, wäre es vielleicht ganz reizvoll, ein wenig Proust zu lesen? Ich notiere mir geschwind den Titel einer Ausgabe mit frühen Erzählungen, im Suhrkamp Verlag erschienen: Der geheimnisvolle Briefschreiber.

Ich lege den Notizschnipsel zur Seite, um weiter das Interview mit Prof. Jürgen Ritte zu hören, Mitbegründer der Marcel-Proust-Gesellschaft in Deutschland und exzellenter Kenner der Proustschen Welt. „Ich hasse Korrespondenzen“ stellte Proust einmal kokettierend fest, denn er schrieb unaufhörlich Briefe, ähnlich wie Stefan Zweig, der ebenso wie Proust zu den fleißigsten Briefeschreibern seiner Zeit gehörte. (Die Herren hatten allein schon mit der Pflege ihrer Korrespondenz gut zu tun, denn so wie heute im Minutentakt die Mails und Kurznachrichten auf unseren Smartphones aufploppen, wurde damals die Post mehrmals am Tag zugestellt.) Marcel Proust, Sohn eines katholischen Lungenfacharztes und einer jüdischen Bankierstochter, verkehrte in den nobelsten und exklusivsten Pariser Salons und lebte das Leben eines mondänen Dandys. Eine chronische Asthmaerkrankung ließ ihn allerdings in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr so oft sein Bett verlassen. Bis zu seinem Tod am 18. November 1922 erfüllte ihn seine Arbeit an der recherche du temps perdu. Postum erschienen die letzten Teilbände des Jahrhundertromans. „Proust lesen“ heißt – „man bekommt Ruhe ins eigene Haus“, so Prof. Ritte. Proust als literarisches Elixier für unsere schnelllebige Zeit. 

21. November 2022
Ich horte Schätze! Gerade stapeln sie sich wieder wie Goldbarren auf den Türmen der Ungelesenen. Dicke Schmöker, Lesestunden von unschätzbaren Wert liegen vor mir. Besonders freue ich mich auf den Briefwechsel zwischen Stefan Zweig und Anton Kippenberg, dem Gründer des noch heute bestehenden Insel-Verlags, der nun endlich den Weg in meine Theaterwelten-Bibliothek gefunden hat. In diesem Frühjahr erschienen, habe ich mir vorgenommen, diese umfangreiche Sammlung von rund 600 Briefen am Ende des Jahres zu lesen. (Vorher hätte ich schlichtweg keine Zeit dafür gehabt.)

Die Briefe geben „Zeugnis von einer Freundschaft und wegweisenden Geschäftsbeziehung“, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckte und aus der sich unter anderem eine so erfolgreiche Reihe wie die der Insel-Bücherei entwickelte. Stefan Zweig gab den Anstoß für diese Bibliothek der ausgewählten Literatur, die bis heute mit ihrer hochwertigen Aufmachung, den schmalen Ausgaben und den zu einer Marke gewordenen Titelschildern ihre Fangemeinde hat. Ich muss mich aber noch in Geduld üben, denn diese Woche ist gut ausgefüllt mit einer Lesereise in den hohen Norden. Dort, in Schwerin, lese ich zwar aus Stefan Zweigs Die Welt von Gestern, verbunden mit einem zweitägigen Workshop für ein junges Publikum, dennoch bevorzuge ich für die Fahrt einen etwas schmäleren Lesestoff, wie vielleicht den Band mit den frühen Erzählungen von Marcel Proust, dem ich bis jetzt nicht so viel Beachtung beigemessen habe. Wir werden sehen. Jedenfalls ist nicht zu befürchten, dass mir in den nächsten Wochen der Lesestoff ausgehen wird. Außerdem liegt für mein Nacherzählen von #ETOkind der viel beachtete Höhenrausch von Harald Jähner bereit. Ein faszinierender Blick auf die zwanziger Jahre, die uns so nah scheinen, wie kein anderes Jahrzehnt.

Literatur entdecken*
Anton Kippenberg und Stefan Zweig, Briefwechsel 1905-1937, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17551-3, 58 EUR
Marcel Proust, Der geheimnisvolle Briefschreiber, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-42972-3, 28 EUR
Harald Jähner, Höhenrausch, Rowohlt Berlin, ISBN 978-3-7371-0081-6, 28 EUR

* Unbezahlte Werbung

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