Franz Marc, Rehe im Schnee, 1911

VI.
WINTER
Geduldig ist der Wald,
Behutsamer der Schnee,
Am einsamsten das Reh.
Ich rufe. Was erschallt?
Der Widerhall macht Schritte.
Er kehrt zurück zu seinem Weh:
Das kommt heran wie leise Tritte,
Er findet mich in meiner Mitte.
Warum hab ich den Wald gestört?
Vom Schnee ward nichts gehört.
Hat sich das Reh gescheut?
Wie mich das Rufen reut.
Theodor Däubler
aus Menschheitsdämmerung – ein Dokument des Expressionismus, 1919
Seine Rehe im Schnee zählen zu den ersten Bildern, mit denen sich Franz Marc von einer realistischen Darstellung der Natur verabschiedet. An Maria schreibt er bereits im Februar 1911: „Bin sehr fleißig und ringe auch nach Form und Ausdruck. Es gibt keine Gegenstände und keine Farben in der Kunst, sondern nur Ausdruck … Dass es im letzten Grunde auf den Ausdruck ankommt, habe ich auch schon früher gewusst. Aber beim Arbeiten fand ich Nebengründe, z.B. die Wahrscheinlichkeiten, den schönen Klang der Farbe, die so genannte Harmonie etc. … Aber wir sollten nichts suchen als den Ausdruck im Bilde. Das Bild ist ein Kosmos, der ganz anderen Gesetzen unterliegt als die Natur.“