Gedanken zu Der ewige Spießer am tfn – theater für niedersachsen

»Der ewige Spießer« am tfn – theater für niedersachsen: Daniele Veterale (Frau Stanzinger), Simone Mende (Hofopernsängerin), Nina Carolin (Erzählerin), Martin Schwartengräber (Portschinger), Ole Riebesell (Adam Mauerer), Manuel Klein (Alfons Kobler), Camila Cordero (Erzählerin) © Clemens Heidrich
Die Geschichte vom ewigen Spießer, die Ödön von Horváth vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise 1929 erzählt, spielt in München, auf der Schellingstraße. Aber »nicht dort, wo sie bei der Ludwigskirche so vornehm beginnt, sondern dort, wo sie aufhört zu existieren.« Dort, in verborgenen Hinterhöfen und schäbigen Häuserfluren, zwischen armseligen Etablissements und einfachen Vorstadtcafés begegnen wir den horváthschen Figuren, den »Mittelständlern«, zwischen »Proletariat« und »Kapital«, die Horváth mit feiner Beobachtungsgabe und einem ironisch-distanzierten Blick charakterisiert. Derb-böse, zugleich melancholisch-zartbitter und zuweilen leise im Ton erzählt Horváth in kurzen Sequenzen aus ihren Leben, von ihren Sehnsüchten und Ängsten, von ihrem Scheitern und »Auf-Begehren«.
»Inflation, Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit bedrohen diese »kleinen« Leute. Ihr mühsam erspartes Geld ist nichts mehr wert. Sie verdienen kaum noch mehr als die von ihnen verachteten Arbeiter. Deshalb sehnen sie sich zurück nach „besseren“ Zeiten, wo sie noch wer waren und wo feststand, was sich gehört. Für den wirtschaftlichen Niedergang machen sie »die Roten« und »die Juden« verantwortlich. Antisemitische und chauvinistische Parolen fallen bei ihnen auf fruchtbaren Boden. Sie rufen nach dem starken Mann, der mit harter Hand durchgreift und dafür sorgt, dass sie wieder wer sind. Die Spießer träumen vom angenehmen Leben ohne Sorgen. Vor dem tristen Alltag ergreifen sie die Flucht in Vergnügungsparks. Kino, Groschenromane und Werbung sind Inspirationsquellen ihrer Lust am schönen Schein. Sie wollen etwas »Besseres« sein und sind ständig auf der Suche nach dem schnellen Geld.« (Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos, Elisabeth Tworek, »Horváth – einem Schriftsteller auf der Spur«, 2001)
Es ist eine unsichere Welt, in der die Spießer:innen 1929 leben. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, der »Große Krieg«, liegt nur wenige Jahre zurück. Wir begegnen Versehrte, die als Schatten ihrer selbst umherirren, getrieben von der Gier nach Leben und dem großen Glück. Allesamt einsam, ereifern sie sich über das Leben der Anderen und stellen sich über sie. Kaum, dass sie es miteinander aushalten, versuchen sie immer wieder von Neuem, sich aus dieser Enge der Welt zu befreien. Verstörend, wie Ödön von Horváth, diese, zwischen Aufstieg und Untergang befindliche Gesellschaft, seziert und hellsichtig die nahende Menschheitskatastrophe über die Welt hereinbrechen sieht. »Ich weiß ja, dass ich nicht gerade fein bin, denn ich bin halt ehrlich«, lässt Ödön von Horváth seinen Alfons Kobler im Spießer sagen. Ein stückweit trifft das auch auf den Dramatiker Horváth zu, der in seinem ewigen Spießer bereits all die Charaktere versammelt, die in seinen späteren Stücken wiederkehren werden.
Unsere horváthsche Welt findet sich auf der Bühne in einer Art Schaubude wieder. Ein Panoptikum, in einem weißen, länglichen Kubus, der Architektur vorgaukelt und sich, wie die Protagonisten, doch nur um sich selber dreht. Hier, in dieser Bude der Befindlichkeiten, sehen wir sie ausgestellt, die Spießer:innen, dicht gedrängt, begafft von der Welt. Sie wagen den Ausbruch und fallen geifernd übereinander her, gegen den eigenen Untergang ankämpfend.
»Gott, was sind das für Zeiten«, schrieb Ödön von Horváth in einem Brief an seinen Schriftstellerfreund Franz Theodor Csokor, nachdem im März 1938 deutsche Truppen in Österreich einmarschierten. Hautnah erlebte er im oberbayerischen Murnau, das ihm mehrere Jahre lang Heimat war und den Echoraum für sein Werk bildete, den Aufstieg der Nationalsozialisten mit. Die menschheitsverachtende und verbrecherische Ideologie fraß sich immer tiefer in die Menschen hinein, um sich dort festzusetzen.
Auch wir leben in einer Zeit der Umbrüche, die uns vor großen Herausforderungen stellt. Wie im ewigen Spießer spüren viele in unserer Gesellschaft eine große Verunsicherung und Angst. Was wird werden? Viele können nur bedingt mit dieser Entwicklung umgehen. In krisenbestimmten Zeiten offenbart sich im Verhalten der Einzelnen ein oft erschreckender Egoismus. Der Einzelne wird sich am Nächsten. Auch wir konnten das in den letzten Jahren beobachten. Ob es nun die fordernden Monate der Pandemie waren, der völkerrechtsverletzende Überfall Russlands auf die Ukraine, die fortschreitende Klimakrise oder der barbarische Terrorangriff auf Israel, die Folgen dieser einschneidenden Geschehnisse werden unsere Weltgemeinschaft noch lange beschäftigen und auf lange Sicht verändern. Wie reagieren wir als Einzelne:r darauf? Während wir mehr Mut zu Utopien für die Zukunft unserer Welt beweisen müssten, nehmen wir billigend in Kauf, dass dystopische Ideologien zunehmend unsere Demokratien in Gefahr bringen. In Zeiten der Krisen hat auch die populistische Menschenverführung Konjunktur. Keine achtzig Jahre nach Auschwitz erleben wir ein beängstigendes Erstarken rechtsextremer Gesinnung. Unverhohlen brechen sich antisemitische und menschenverachtende Parolen ihre Bahn durch alle Teile der Gesellschaft. Hass und Hetze vergiften zunehmend ein offenes und demokratisches Miteinander.
Der Text entstand für das Programmheft »Der ewige Spießer« am tfn – theater für niedersachsen.