Ein Ziel ist immer etwas Erstrebenswertes

Tagesschnipsel Mai 2024



Ein Ziel ist immer etwas Erstrebenswertes.
Ein Mensch ohne Ziel ist kein Mensch.

Ödön von Horváth

Geschichten aus dem Wiener Wald


Mittwoch, 1. Mai 2024
Maifeiertag

Im Mai nähern wir uns ein stückweit mehr der Premiere des ewigen Spießers, denn Ende des Monats werden wir in Hildesheim mit den Proben beginnen. Was für schöne Aussichten! Ja, ich freu mich sehr darauf. Die verbleibenden Wochen bis dorthin werde ich mit den einzelnen Szenen und Rollen verbringen und vielleicht nicht nur bildlich ins Blaue Land zurückkehren, wo Ödön von Horváth einen Teil seines kurzen Lebens verbrachte. Dass es dort zu einer Wiederbegegnung mit den Blauen Reiter:innen kommen wird, ist wohl eine Selbstverständlichkeit. Seit meiner intensiven Beschäftigung mit dem Leben und Werk von Franz und Maria Marc kommen sie mir immer wieder. So auch heute. Diesmal schaute Paul Klee vorbei, der introvertierte Farbmagier und Theaterbegeisterte. In einem Bildband, in dem ich blätterte, während ich wieder einmal über die Anfangsszene unseres Spießers nachdachte, entdeckte ich Klees Straßen-Zweigung, die er mit schnellem und nervösen Strich 1913 skizziert hatte. War das nicht die Ecke Schelling-Barer Straße in München, dort, wo sich noch heute der Schelling-Salon, das zweite Wohnzimmer von Alfons Kobler, befindet? Winzige, dürre Figuren eilen über die Straßenkreuzung, hasten aneinander vorüber, auf ihren Fahrrädern flitzend. Sie torkeln und stürzen umher, auf ihrer »kleinen Reise ins Land der besseren Möglichkeiten.« 


2. Mai 2024

»Die Zeiten sind wirklich schwer. 
Wir erleben nach 25 Jahren wieder Krieg …
Es ist der Satan, der die Welt regiert,
und wir wissen alle, wer den Satan verkörpert.«

(Lily Klee, 1939, Ehefrau von Paul Klee) 

Und wieder ist ein Satan aus der Hölle gekrochen. Krieg in Europa. Wer hätte das für möglich gehalten, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, dem Fall der sowjetischen Diktatur? 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer der russische Überfall auf die Krim; weitere 8 Jahre später überzieht nun völlig Terror und Krieg die Ukraine. Knapp 35 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zusammenwachsen Europas ist der europäische Gedanke bedroht wie nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 

Paul Klee blieb noch ein Weilchen sitzen, im Theateratelier. Ich las auch heute noch in den Klee-Biografien, schmökerte weiter in einzelnen Ausstellungskatalogen und fand dabei erneut ein thematisch passendes Bild für den horváthschen Spießer, für Paneuropa, einem zentralen Thema im Kobler-Teil: Europa.

Europa malte Paul Klee 1933, im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Paul Klee, damals Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, wurde von den Nazis fristlos entlassen. Er emigrierte daraufhin für immer aus Deutschland in die Schweiz. 1934 fragte er mit Blick auf Europa: Hinkt Europa oder hinke ich?

Paul Klee, Europa, 1933, Gouache auf Japanpaier
© Kunsthalle Bielefeld


3. Mai 2024

Selbst die Spätzünder unter den Bäumen tragen nun Grün. Nach und nach entrollten sie ihre Blätter. Der Garten ruft. An diesem Wochenende werde ich mir hoffentlich ein wenig Zeit für ihn abknapsen können, wenn auch die Arbeit auf dem Schreibtisch nicht weniger wird. Am späten Vormittag türmen sich erste graue Regenwolken über uns. Der Freitag gibt sich aufgefrischt. Die ersten Unwetter des Jahres sind über den Westen hinweggezogen. Schaue hinaus, trinke Kaffee und höre Radio Klassik Stephansdom aus Wien. Weiter mit Horváth. 


4. Mai 2024

Man wähnt sich in dunklen Zeiten, als radikalisierende  Schlägertrupps Jagd auf Andersdenkende machten: In der vergangenen Nacht wurde in Dresden der dortige SPD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Matthias Ecke, von mehreren Unbekannten angegriffen und brutal zusammengeschlagen. Er war gerade dabei, Wahlplakate aufzuhängen. Mit schwersten Verletzungen musste er ins Krankenhaus eingeliefert und operiert werden. Mutmaßlich dieselbe Gruppe von Tätern hat kurz zuvor einen 28-jährigen Wahlhelfer der Grünen attackiert und ebenfalls verletzt. Bundesweit neben Attacken auf Politiker:innen und deren Wahlkampfhelfer:innen zu. Erst am vergangenen Samstag wurde die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt nach einer Veranstaltung bedrängt. In Essen erlitt ein Politiker der Grünen Verletzungen, als er körperlich angegangen und geschlagen wurde. Und es sind nicht die ersten Taten. Die Liste der Gewalt wird länger und länger.

Das Entsetzen ist groß, einmal mehr. Manche, die mit populistischen Worten die Entwicklung der letzten Jahre und Monate mit vorangetrieben und beeinflußt haben, geben sich wieder »fassungslos« und »verstört«. (Oder sind am Ende des Tages wieder auffallend still und leise, die Zündler und Hetzer. Wie sie sich wieder geschickt wegducken!) Diese Gewaltausbrüche kommen doch nicht überraschend! Zu oft wurde in der Vergangenheit eindringlich davor gewarnt. Gewarnt davor, dass aus Worten Taten werden, in einer Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahren extrem polarisierte. Zu oft wurden die Warnungen als hysterisch abgetan, verlacht und in den Wind geschlagen. Schon weichen zu viele Menschen von ihrem sozialen wie politischen Engagement zurück, aus Angst vor verbalen wie auch körperlichen Attacken. Dadurch werden die Räume immer mehr den Radikalen überlassen. Das dürfen wir nicht weiter zulassen. Für morgen sind Solidaritätskundgebungen in Dresden und Berlin angekündigt.


5. Mai 2024

Die Ukrainer:innen müssen heute ihr drittes Osterfest im Krieg feiern. 


6. Mai 2024

Verfolge neben der Arbeit am Horváth-Projekt auch in diesen Tagen weiter die Entwicklungen und Geschehnisse in Nahost und in der Ukraine. Ich notiere einzelne Begebenheiten und Meldungen. So kam es laut einer israelischen Studie zufolge nach dem terroristischen Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 zum schlimmsten Ausbruch von Antisemitismus seit dem Zweiten Weltkrieg weltweit. Ich lese von einem 34-jährigen, der gestern mit einer Israel-Flagge bekleidet in einem Berliner Lokal, im Außenbereich saß. Ein Unbekannter beschimpfte ihn antisemitisch und schlug ihm ins Gesicht. Derweil setzen sich die Proteste gegen Israel an den Universitäten fort. Die Hamas hat gestern den wichtigen Grenzübergang Kerem Schalom mit Raketen angegriffen, der daraufhin von Israel abgeriegelt wurde. Der Grenzübergang wird dringend für humanitäre Hilfstransporte in den Gazastreifen benötigt. Der israelische Verteidigungsminister droht mit einem militärischen Einsatz in Rafah. (Seit Tagen Meldungen, dass eine solche Offensive im Süden des Gazastreifens vorbereitet wird.) Scheitern die Verhandlungen für eine Waffenruhe nun endgültig? Heute am frühen Morgen dann Meldungen, dass israelische Streitkräfte damit beginnen, palästinensische Zivilisten aus Rafah zu evakuieren. Sie sollen zunächst in Zeltstädten untergebracht werden. Tausende verlassen den Osten von Rafah. Das israelische Militär spricht von 100.000 Menschen, die von den Maßnahmen betroffen sein sollen. In der Region, aber auch bei den israelischen Partnern wächst die Sorge vor einer israelischen »Großoffensive« in Rafah. Schätzungsweise 1 Million Menschen halten sich dort auf engstem Raum auf. Die ohnehin katastrophale humanitäre Situation würde sich durch einen solchen militärischen Einsatz noch verschlimmern. Die Diplomaten dieser Welt sprechen von einer humanitären Katastrophe mit »Ansage«. Der Druck auf die israelische Regierung wächst. 


7. Mai 2024

Zum Wochenbeginn ein wenig Abwechslung. Tausche meinen Schreibtisch mit der Regionalbahn und fahre für eine Stippvisite nach Memmingen. Dort, am Landestheater Schwaben, präsentierte heute Vormittag die designierte Intendantin Sarah Kohrs das Programm ihrer ersten Spielzeit 2024/25. Ich freue mich sehr, dass ich ihre Auftaktsaison mit Die letzte Sau, einem tragikomischen Märchen für Erwachsene, zusammen mit Aylin Kaip (Bühne) und Moni Gora (Kostüme) mit gestalten darf. Auch Memmingen selbst zeigte sich von seiner schmucken Seite. Emsiges Treiben in der Altstadt. Markttag! Vom Gemüse angefangen über herrlichsten Käse aus dem Allgäu, Brot und anderen feinen Sachen, gibts eine übergroße Auswahl an regionalen Produkten; jeweils dienstags und samstags am Marktplatz von Memmingen. Ja, da werde ich dann öfters mal vorbeischauen, wenn ich ab Mitte Oktober meine Zelte in der Stadt aufgeschlagen habe. Heute reichte die Zeit nur für ein kurzes Schlendern und Schauen zwischen den Ständen.



8. Mai 2024

Draußen ein regenreicher Tag. Der russische Terror gegenüber den ukrainischen Nachbarn geht unvermindert weiter. Ich lese und höre von Luftangriffen auf Kyjiw und Lwiw. Und das israelische Militär hat damit begonnen, Ziele in Rafah anzugreifen. Das Kriegskabinett hat einstimmig eine Militäroperation in der Grenzstadt zu Ägypten gebilligt. Die Welt beschwört weiter eine Waffenruhe und in Berlin besetzen pro-palästinensische Aktivisten den Hof der Freien Universität. Die Hisbollah feuert auf Israel. Überall Krieg, Elend. Versuche in die Arbeit zu finden. 

Nach dem Angriff auf den SPD-Politiker Matthias Ecke konnte die Polizei vier Tatverdächtige ermitteln. Einer der Angreifer, ein 17-jähriger, hat sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag bei der Polzeit gestellt. Er wird dem „rechtsextremen Spektrum zugeordnet“. Wer hätte das gedacht!


10. Mai 2024

Tag der verbrannten Bücher. Seit ein paar Jahren lese ich an diesem Tag in Bad Aibling aus dem Werk verfemter Schriftsteller:innen. So auch in diesem Jahr. Der heutige Tag gehört allein Erich Kästner, der im Juli vor 50 Jahren in München verstorben ist. Bis heute zählt der Vielgelesene zu meinen literarischen Begleitern. Zu meinen ersten Büchern, die ich als Kind selbst las, gehören Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive und die wohl schönste Weihnachtsgeschichte der Kinderliteratur, Das fliegende Klassenzimmer. Erich Kästners Werk und vor allem sein wieder entdecktes Blaues Buch, das geheime Kriegstagebuch, das er von 1941-1945 führte, wird mich durch diesen Sommer begleiten. Parallel zur Arbeit am ewigen Spießer von Ödön von Horváth, einem Zeitgenossen Kästners, werde ich daraus eine Lesung konzipieren, die ich ab Herbst in mein literarisches Programm integrieren möchte. Den heutigen Abend gestalte ich als eine Art Werkstattlesung und lese eine erste Auswahl von Tagebucheinträgen, die in Folge der weiteren Beschäftigung ergänzt und mit anderen Texten von Erich Kästner kombiniert werden.

Gegen Mittag Meldungen, dass russische Truppen an der Grenze zur Region Charkiw im Nordosten der Ukraine einen Durchbruch versuchen. Beschuss auf die Stadt Wowtschansk, nahe der Millionenmetropole Charkiw. Die Region um Charkiw ist bereits seit Wochen verstärkten Angriffen des russischen Militärs ausgesetzt. Offenbar starten nun die Invasoren einen größeren Angriff auf die Region. Starke Militärverbände bei Belgorod. Sind es nur Nadelstiche oder tut sich eine zweite Front im Norden der Ukraine auf? Mehr als 1500 Menschen wurden evakuiert, während die Region drei Stunden lang den Explosionen ausgesetzt war. Die Menschen hoffen, dass die Russen nicht auf breiter Front angreifen. Heftiger Artilleriebeschuss. Ich sehe Bilder von alten, fliehenden Frauen. Ihr ganzes Leben in einer größeren Plastiktüte notdürftig zusammengeschnürt. Es ist einfach entsetzlich.


11. Mai 2024

Der gestrige Abend mit Kästner hallt nach. Sein Blaues Buch begleitete mich recht intensiv durch die vergangenen Tage. Jetzt wandert es vorübergehend ins Regal zurück, bevor ich es in den Koffer für Hildesheim packen werde. In der Frühe müde, dem Kästner noch nachspürend. Bis zum Nachmittag verbringe ich den Samstag am Schreibtisch; morgen ein erstes Arbeitstreffen für die letzte Sau. 

Und ja, Theaterwelten im Garten, das gibt es auch noch! So dann nachmittags rasch in den Garten. Auch hier wartet einiges an Arbeit auf mich. (Ich weiß schon jetzt, auf was ich mich in den Theaterferien freuen darf!) Die wertvollen Stunden in der grünen Wildnis verfliegen. Das Beet unter der rosenbewachsenen alten Kirsche ist nun einigermaßen wieder hergestellt. Sich kräuselnde und windende Schlingpflanzen mussten weichen. Die gesetzten Stauden haben nun endlich wieder gut Luft; fett schon die Herbstanemonen im Beet. Im Herbst müssen die Sträucher am Rand des Gartens wieder etwas ausgeschnitten werden, damit im kommenden Frühjahr ein bisserl mehr Licht in den Garten kommt. (Wie alles ins Kraut schießt!) Die Akeleien gedeihen unter der Felsenbirne – die im Winter durch die Schneelasten doch arg in Mitleidenschaft gezogen wurde – prächtig. Fühlen sich offenbar ganz wohl. Auch der im letzten und vorletzten Jahr gesetzte blaue Storchschnabel hat sich gut eingewachsen und grünt selig vor sich hin. Sehr schön. Wenn ich aus Hildesheim zurück bin, werde ich das Beet weiter verdichten mit Storchschnabel, Akeleien und evtl. einer weiteren Herbstanemone sowie duftenden Phlox. Mein geschätzter Rittersporn wollte an dieser Stelle leider nicht bleiben.


12. Mai 2024

An diesem Sonntag steht das Schweinderl im Mittelpunkt. Kreativer Startschuss für Die letzte Sau. Arbeitstreffen im Café. Unter Sonnenschirmen sitzend eine Raumidee entwickelt.



13. Mai 2024

Ein sonniger Wochenbeginn. Die Meldungen sind weniger aufbauend. Israel setzt seine Angriffe auf Rafah fort. Eine Waffenruhe ist in weite Ferne gerückt. Laut UN sind mehr als 80.000 Menschen aus Rafah geflohen. Nur, wohin fliehen sie, den Krieg dicht an ihren Fersen wissend? Und dann, allerorten dieser abstoßende wie ekelhafte Antisemitismus. Bei ihren Auftritten beim Eurovision Song Contest wurde die israelische Sängerin von Teilen des Publikums mit Buhrufen geschmäht. Pro-palästinensische Demo im schwedischen Malmö, dem Austragungsort des diesjährigen Song Contests. Auch in München wurde heute an der Ludwig-Maximilians-Universität ein pro-palästinensisches Protestcamp errichtet. Ich kann dieser Form des Protests nur wenig abgewinnen. Zu einseitig die Sicht auf den Konflikt und nicht selten sind die Forderungen der Aktivist:innen durchsetzt von antisemitischen Codes. Warum wird nicht auch lautstark und vehement gegen die Hamas demonstriert, einer Terrororganisation, die seit Jahren die palästinensische Zivilbevölkerung unterdrückt und nur ein Ziel kennt, Israel zu vernichten?  Und es ist unakzeptabel, dass jüdische Studierende sich aufgrund von Antisemitismus oder geäußerten Gewalt- und Vertreibungsphantasien an Hochschulen nicht mehr sicher fühlen.


15. Mai 2024

Attentat auf den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico. Nach einer Kabinettssitzung in der Kleinstadt Handlova feuerte ein 71-jähirger Mann auf offener Straße vier Schüsse auf den Politiker, der für seinen pro-russischen Kurs umstritten ist. Lebensgefahr. Notoperation.

Die Tage sind bestimmt von der Arbeit an den vorzubereitenden Inszenierungen.


17. Mai 2024

Auf dem Arbeitstisch am Fenster Die letzte Sau neben dem horváthschen Spießer. Sie werden mir auch während des Pfingstwochenendes Gesellschaft leisten. Zwischendurch auch immer das Notieren von Details unserer verstörenden Zeiten im Journal. Ein Notieren, das mich nicht vergessen machen soll. Der begleitende Widerhall der Zeiten in meiner Arbeit.

Eine Flut von Menschen muss sich in den vergangenen Tagen von Rafah aus in »sichere« Gebiete im Gazastreifen aufgemacht haben. Die Rede ist von unvorstellbaren 800.000 Menschen. Ich frage mich, an welchem Ort Gaza noch sicher ist? Israelische Panzer rückten in der Woche auf Rafah vor. Die Gefechte halten an. Das israelische Militär findet weitere Leichen von in den Gazastreifen verschleppten Geiseln. Mit einem 20m langen Tunnelnachbau erinnern auf dem Berliner Bebelplatz Angehörige an die von der Hamas entführten Geiseln. Seit über einem halben Jahr sind sie nun schon in der Gewalt der Terrororganisation. Wie viele werden überhaupt noch lebend zurückkommen? Für drei Wochen wird der Berliner Bebelplatz in Erinnerung an die Verschleppten Platz der Hamas-Geiseln heißen.
Und gute zweitausend Kilometer von Rafah entfernt mussten Zehntausende Ukrainer:innen aus der Oblast Charkiw vor den anhaltenden Angriffen der Russen fliehen. Allein am Donnerstag (16.5.) mehr als sechzehn Stunden anhaltender Luftalarm in der Region. Der längste Alarm seit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine. 


18. Mai 2024

Das Pfingstwochenende beginnt sonnig. Weiße Wolkenfetzen am blauen Himmel. Im Südwesten gestern Starkregen, der innerhalb weniger Stunden die Bäche und Flüsse rasant hat anschwellen lassen. Besonders vom Hochwasser betroffen das Saarland und Teile von Rheinland-Pfalz. Die Lage beruhigte sich zwar heute im Laufe des Tages, dennoch weiterhin hohe Pegelstände.

Die innenpolitischen Spannungen in Israel verschärfen sich. Benny Gantz, politischer Rivale von Premierminister Netanyahu und Minister im israelischen Kriegskabinett, fordert einen Nachkriegsplan für Gaza und stellt Netanyahu ein Ultimatum. Auch fanden gestern wieder Demonstrationen in Tel Aviv und Jerusalem statt. Zehntausende gingen wiederholt für die Rückholung der Geiseln und für Neuwahlen auf die Straße. Die Demonstrant:innen führten vereinzelt große Transparente mit sich, darauf Aufschriften wie »Beendet den Krieg« »Hungersnot ist ein Kriegsverbrechen«.


19. Mai 2024
Pfingstsonntag

Pünktlich zu Pfingsten sind auch schon die ersten Pfingstrosen wieder »verblüht«. Kaum, dass sie ihre Pracht entfalten konnten, wurden die zarten Geschöpfe heute Nacht vom Regen förmlich weggewaschen. Ihre Blüten, zerfledert am Boden. Die Schnecken und anderes Kleingetier freuen sich. Etwas abseits stehend zeigt sich eine weitere Pfingstrose noch etwas unentschlossen. Aber sie ist ja immer ein wenig später dran. Bobbie James, die imposante Ramblerrose, die ich vor sechs Jahren an der alten Kirsche pflanzte, hat inzwischen den ganzen Baum umwachsen. Ein duftendes Blütenmeer ist auch in diesem Juni zu erwarten. Zwischen dem Denken am Schweinderl und den Vorbereitungen für den Spießer für ein paar Stunden in der grünen Wildnis. 

Nachmittags auf Ö1 die Menschenbilder-Sendung Michael Verhoeven in memoriam angehört.


20. Mai 2024

Ein freundlicher Pfingstmontag, den ich mit dem Schreiben des Journals eröffne. Eine frühsommerliche Brise weht durch das offen stehende Fenster herein. Mein Blick fällt auf meinen Aufbau-Tischkalender, dessen Seiten ich auf die neue Woche einklappe. Nicht für das Gleichartige müssen wir uns schlagen, sondern für das Verschiedenartige – dann wird es eine Freude sein für alle. Ein Zitat aus Schießt nicht auf Schwäne von Boris Wassiljew gibt der neuen Woche die Überschrift. Schon die 21. Woche in diesem 2024. Das Jahr hat es wieder eilig. Die letzten Tage, bevor wir in einer Woche in Hildesheim den ewigen Spießer beginnen werden zu probieren. Es gibt bis dahin noch einiges vorzubereiten und auch gedanklich aufzufrischen. So liegen auf dem Lesestapel Michalziks Horváth Hoppe Hitler bereit und auch in Jähners Höhenrausch möchte ich noch einmal reinlesen, bevor die Proben starten. Mit ins Reisegepäck müssen sie eh. Heute Nachmittag gehts aber zunächst zum nächsten Arbeitstreffen für Die letzte Sau nach München. Modellbesprechung.

Irans Staatspräsident Raisi ist bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Viele Tränen werden ihm wohl nicht nachgeweint werden, dem »Henker von Teheran«, der neben Chamenei für das menschenverachtende und mörderische System der Iranischen Republik stand. Raisi war für tausende Hinrichtungen von Oppositionellen und politisch Andersdenkenden, für die Unterdrückung der Bürger- und Menschenrechte und für die wirtschaftlich schwierige Lage im Iran mit verantwortlich. Das Blut Unzähliger klebt an seinen Händen. Die massive Protestwelle nach dem Tod der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini ließ die iranische Regierung mit Gewalt, Terror und harten Strafen niederschlagen. Mit Raisi starb bei dem Absturz auch der iranische Außenminister. Das iranische Regime gibt sich ungebrochen.

Verstörend, wenn zum Tod eines barbarischen Tyrannen kondoliert wird. 


21. Mai 2024

Die letzte Woche vor dem Start unserer Proben zum ewigen Spießer. Vorfreudige Anspannung. Neben Kofferpacken, letzte Besorgungen für die Wochen in Hildesheim erledigen, steht natürlich Ödön von Horváth im Mittelpunkt dieser Tage. Wiederholtes Lesen, weiterdenken des Stoffes, der Szenen. Zwischendurch werde ich hoffentlich auch immer mal wieder in den Garten entschwinden können, zum Atemholen. Ein leiser wie konzentrierter Wochenbeginn.

Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, beantragte gestern Haftbefehle sowohl für den israelischen Regierungschef Netanjahu und seinen Verteidigungsminister Gallant als auch für drei Hamas-Anführer. Netanjahu und Gallant reagieren empört. »Der Versuch des IStGH-Anklägers Karim Khan, die Situation umzukehren, wird keinen Erfolg haben«, so Gallant. »Die Parallele, die er zwischen der Terrororganisation Hamas und dem Staat Israel gezogen hat, ist verachtenswert.« Netanjahu bezeichnete den Chefankläger zudem als einen »der großen Antisemiten der Moderne.« Aber stellt der Chefankläger des IStGH tatsächlich Netanjahu und Gallant »auf eine Stufe« mit den Hamas-Verbrechern? »Nein«, so Ronen Steinke, Jurist und Journalist, in seinem heutigen, klugen Kommentar in der Süddeutschen Zeitung, den ich hier auszugsweise zitieren möchte:

»Das humanitäre Völkerrecht mit seinem zentralen Appell, Zivilisten zu schonen, bindet alle Seiten in einem Krieg, oder es ist wertlos. Es geht dem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs erkennbar nicht um die Tatsache, dass Israel sich verteidigen muss. Sondern allein um die Art und Weise, wie es dies tut. Und wer, wie Netanjahu und die israelische Militärführung, mit so großer Beharrlichkeit die zunächst vorsichtigen, zuletzt immer eindringlicheren Ermahnungen internationaler Juristen wie auch politischer Partner in den Wind geschlagen hat, im Städte- und Häuserkampf auf Zivilisten Rücksicht zu nehmen und diese etwa nicht hungern zu lassen – der hat sich selbst dafür entschieden, eine rote Linie zu überschreiten. Die Anklage gegen Netanjahu ist deshalb richtig.« (Aus dem Kommentar von Ronen Steinke, Süddeutsche Zeitung, 21. Mai 2024)

Zur Vertiefung und Diskussion empfohlen die heutige Sendung Studio 9 – Der Tag mit Ronen Steinke und Jana Münkel auf Deutschlandfunk Kultur.


22. Mai 2024

»Der Gazakrieg ist kein Fußballspiel;
die einzige Seite, zu der man halten sollte,

ist die Seite der Zivilist:innen und des humanitären Völkerrechts. 
Und es ist gut, wenn dieses Völkerrecht langsam Zähne bekommt.«
(Ronen Steinke, 20. Mai 2024)


26. Mai 2024

Abreise nach Hildesheim. Probenbeginn zu Der ewige Spießer.


27. Mai 2024

Angekommen in Hildesheim! Die Stadt hat mich wieder. Nach einem wahren Sartre-Abenteuer im Winter 2023 kehre ich zurück, mit viel München und noch mehr Ödön im Gepäck. Auf der Probebühne des theaters für niedersachsen fällt heute der Startschuss für unsere Inszenierung von Der ewige Spießer, einem Szenenkaleidoskop in drei Teilen nach Ödön von Horváth. 

Gestern, nach meiner Ankunft, war ein kurzes Strawanzen durch die Stadt ein Muss. Hildesheim, es freut mich wieder hier zu sein und dass ich Dich nun endlich im Sommergewand entdecken und erleben darf. Dem Theater selbstverständlich auch kurz zugewunken. Ein Duft von Holler empfängt uns am Bühneneingang. Fast wähnt man sich in einem Münchner Hinterhof, an der Schellingstraße, »oben, wo sie arm ist und aufhört zu existieren.«


2 Gedanken zu “Ein Ziel ist immer etwas Erstrebenswertes

  1. Ich genieße deine Schnipsel, lieber Michael und freue mich immer wieder über neue. Es ist angesichts der Verrohung der Sprache (auch meiner eigenen, wie ich leider angesichts meiner Wut über meine eigene Machtlosigkeit gegenüber dem politischen Geschehen eingestehen muss) eine echte Erholung.

    Lieben Dank dafür und einen schönen Sonntag wünsche ich dir!

    Grüße aus Oldenburg

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Ingrid,
      vielen Dank für das Mitlesen und Begleiten meiner Projekte! Ich freu mich, wenn meine Tagesschnipsel gefunden werden und sie den einen oder anderen Lesenden erreichen. Es ist ja noch immer ein gewisses Ausprobieren, aber die gewählte Form des tagebuchähnlichen Erzählens wird zunehmend zu einem wichtigen Bestandteil meiner Arbeit. Ich wünsche Dir noch schöne sonnige Maitage und auf eine baldige Wiederbegegnung hier in den Theaterwelten!
      Herzliche Grüße, Michael

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