Tagesschnipsel Juni 2023

Der Kronleuchter im Großen Haus des Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken (19. Mai 2023).
Die ersten Junitage
Pünktlich zum Monatswechsel hielt der Frühsommer, blau strahlend, hier Einzug. Die ersten Tage des Juni waren #TheaterweltenImGarten vorbehalten, so dass ich sie weniger am Arbeitstisch sondern zwischen den Rabatten verbrachte, um diese, ziemlich verspätet, für die Saison herzurichten. Den Staudenbeeten sah man deutlich an, dass sie im März und April sträflich vernachlässigt wurden! (Das Sartre-Abenteuer kam mir zumindest im März dazwischen.) Der Löwenzahn hatte es sich allzu gerne zwischen Waldstorchschnabel und Akelei gemütlich ausgebreitet, die sich davon aber gänzlich unbeeindruckt zeigten. Wie schön sie in ihrem Rosé leuchtet, die Akelei, zwischen all dem Grün. In unserer wuchernden Wildnis gefällt es ihr sichtbar gut. Heuer ist wohl ein richtiges Akeleienjahr? Groß und stattlich stehen sie in voller Blüte. Und was mich besonders freut: die im letzten Jahr eingepflanzten Dunkelblauen haben sich offenbar auch gut eingelebt und blühen neben der wilden Akelei, deren Samen ich gesammelt und ausstreute. Sie dürfen sich ruhig weiter aussamen. Daneben beansprucht im Schattenbeet, unter dem alten Kirschbaum, der mittlerweile nahezu von der Ramblerrose Bobbie James überwachsen ist, die Herbstanemone immer mehr ihren Platz. Ob sich noch ein wenig Platz ausgeht, für einen blauen Rittersporn? Der letzte Versuch ihn dort anzusiedeln, versprochen. Im letzten Jahr wurde er zu einem Festschmaus der Nacktschnecken, die gefrässig über ihn herfielen und von der Staude am Ende nur noch kahle Stengel übrig ließen.
Und die Weltlage? Unverändert. Tagein tagaus die sich ähnelnden Meldungen. Seit Wochen. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen! Die Ukrainer sind in diesen ersten Junitagen einmal mehr mit heftigen Angriffswellen der russischen Aggressoren konfrontiert. Kyiv rückt wohl wieder verstärkt in den Blickwinkel des russischen Militärs. Am 2.6. in der ganzen Ukraine wieder Luftalarm. Unzählige Menschen müssen in Kyiv wieder Schutz in den U-Bahnhöfen und Kellern suchen. Der Krieg geht in den zweiten Sommer. Auch werden Gefechte kurz hinter der Grenze in der Region Belgorod gemeldet. Offenbar pro-ukrainische russische Kampftruppen gegen russische Einheiten. Beginnt hier ein Krieg im Krieg?
6. Juni 2023
Dieser Dienstag beginnt mit besorgniserregenden Nachrichten aus der Ukraine. Der Kachowka-Staudamm ist zerstört! Am Morgen ist noch vieles unklar. Jedoch wird in wenigen Stunden der Wasserpegel eine kritische Höhe erreicht haben. Was für eine Katastrophe! Und das mitten im Krieg. (Wurde die verheerende Naturgewalt Wasser als Waffe eingesetzt?) Den ganzen Tag über verstörende Bilder aus dem Überschwemmungsgebiet, im Süden der Ukraine. Von Stunde zu Stunde wird das Ausmaß der Zerstörung des Kachowka-Staudamms deutlicher. Es ist entsetzlich. Während die Evakuierungen laufen, beschießen russische Einheiten die betreffenden Gebiete. Die Barbarei geht weiter. Unerbittlich. Schonungslos. Am Abend notiere ich in meinem Journal, während ich tagsüber im Horváth lese: Kachowka – eine epochale Naturkatastrophe, mit ungeheurem Ausmaß, von Menschenhand ausgelöst.
7. Juni 2023
Noch ist das Ausmaß der Zerstörung des Kachowka-Staudamms nicht abzusehen. Experten rechnen damit, dass sich der Zustand des Damms weiter verschlechtert, was weitere Überschwemmungen zur Folge haben wird. Flussabwärts steigt weiter das Wasser. Was für eine Katastrophe, mit schwerwiegenden Folgen für Menschen, Flora und Fauna. Was wurde nicht alles zerstört! Ob in den Gebieten überhaupt noch Leben möglich sein wird? Was alles haben die Wassermassen mit sich gerissen! Minen treiben in den Fluten und detonieren, wenn sie im Wasser auf ein Hindernis stossen. Todbringende Fracht des Krieges in der dunklen Brühe. Hunderttausende sind von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Und die Russen? Sie haben offenbar nichts besseres zu tun, als Evakuierungen unter Beschuss zu nehmen oder Menschen, die auf der russisch besetzten Seite des Dnipros leben, an der Flucht zu hindern. Wie abscheulich und menschenverachtend. Was ist ihnen ein Menschenleben überhaupt wert? Nichts. Schon klettern die Weizenpreise. Und wieder wird diese erneute Katastrophe die Ärmsten der Armen treffen.
8. Juni 2023
Die Diskrepanz zwischen den Ereignissen in der Ukraine und dem schönen Sommer-Feiertag hier könnte nicht größer sein. Die Sonne strahlt schon am frühen Morgen, während ich die aktuellen Meldungen verfolge und sie für das Journal zusammenfasse:
Die Pegel steigen. Zehntausende sind ohne Trinkwasser. Die Zerstörung wird ganze Ortschaften von der Landkarte tilgen. Wieder sind Abertausende auf der Flucht. Gegenseitige Schuldzuweisungen. Noch ist nichts klarer. Allein diese Katastrophe kann die Ukraine (und auch die Welt) über Jahre hinweg in Atem halten, ganz abgesehen von dem Krieg. Riesige landwirtschaftliche Flächen sind weggeschwemmt worden. Es bleibt Steppe zurück, sollte der Staudamm nicht wieder aufgebaut und mit einem intakten Kanalsystem die Flächen bewässert werden. So hat man bereits vor Jahrzehnten das als unfruchtbar geltende Land fruchtbar gemacht. Nun ist alles zerstört. Eine Katastrophe, die auch die Welt zu spüren bekommen wird. Denn wenn nichts angebaut werden kann, dann kann auch nichts an Getreide exportiert werden. Das wird noch immense Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung in aller Welt zur Folge haben. (Und besonders die ohnehin mit Hunger kämpfenden Länder werden besonders darunter zu leiden haben.)
9. Juni 2023
Nachdem ich noch vor dem Frühstück die neuen Stauden in den Beeten gewässert habe – leider ist schon wieder alles viel zu trocken – kümmere ich mich heute um das Blog und meine Tagesschnipsel, die ich im Juni wieder aufnehmen möchte. Ich freue mich auf das Wochenende mit lesen, schreiben und sich einarbeiten in die kommenden Horváth-Projekte. Die Bücher liegen bereit und auch das noch unbefleckte Konzeptbuch darf nun bald aufgeklappt werden, wenn ich mich Ende Juni zum ersten Mal mit meiner Ausstatterin für ein erstes Arbeitsgespräch in München treffe. – Gegen Mittag ein erfreulicher Anruf. Neben dem Horváth ist ein weiteres Projekt im Anflug!
Im Südosten der Ukraine kämpfen die Menschen den dritten Tag in Folge gegen die Wassermassen des Dnipro. Doch auch in der vergangenen Nacht gellte der Luftalarm über das ganze Land. Bei den Angriffen mit Marschflugkörpern und Drohnen wurde ein Mensch getötet. Auch gingen gestern die Attacken auf das Überschwemmungsgebiet weiter. Angriffe auf die Stadt Cherson. Wie schlimm kann es für die Menschen dort noch kommen?! Wir haben doch gar keine Vorstellung davon.
11. Juni 2023
Verfolge mit einem Auge die Entwicklungen in der Ukraine, während ich das neue Theaterstück lese, das seit gestern auf meinem Schreibtisch liegt. Ein gewitzter moderner Kohlhaas begleitet mich durch das Wochenende. Und dann diese andere Realität, da draußen. Zum Einen in Erding, auf einer Demo, destruktives, populistisches Geplärre unseres bayerischen Vize-Ministerpräsidenten. Man traut seinen Ohren nicht, wenn er sich aufpeitschend „die Demokratie wieder zurückholen möchte“. Zum Anderen die Meldungen aus der Ukraine. Die Suche nach den Vermissten ist auch am Wochenende weitergegangen. Wiederholt wurde während einer Evakuierungsmaßnahme ein Rettungsboot mit Zivilisten von Russen beschossen. „Sie haben den Zivilisten in den Rücken geschossen“, die aus der russisch besetzten Zone rund um Cherson fliehen wollten. Drei Menschen kamen dabei ums Leben. Derweil gehen die zunehmenden Gefechte an der Frontlinie weiter. Und das Wasser? Es geht langsam zurück und gibt die furchtbaren Folgen nach und nach frei.
16. Juni 2023
Als der große Menschenerzähler, Schauspieler Peter Simonischek, in der Nacht auf den 30. Mai nach schwerer Krankheit verstarb, schrieb Simone Dattenberger im Münchner Merkur einen feinsinnigen Nachruf, dessen letzter Satz als Aufforderung für uns Theatermacher zu verstehen ist: „Peter Simonischeks Tod bedeutet einen beängstigend Verlust, gerade in einer Zeit, in der sogar am Theater, und zwar an vielen, Schauspielkunst vernachlässigt wird.“ Heute fand auf der Feststiege im Burgtheater die Trauerfeier für diesen großen Menschendarsteller statt.
19. Juni 2023, Reisetag nach Wien
„Und es sind doch so sehr sympathische Leute!“
Aus den Sportmärchen „Die Mauerhakenzwerge“
(Ödön von Horváth)
Fast ein Dramolett in der Bahn: Oberösterreichische Ortschaften flitzen an den Fenstern vorbei. Der RJX hat es eilig. Es gilt, eine kleine Verspätung gut zu machen. Ob er wieder in seinen gewohnten Takt zurückfindet? Schon nehmen wir Kurs auf Linz. Es ruckelt. Bei sonnigem, aber etwas dumpfigen Sommerwetter, habe ich heute meine Reise nach Wien angetreten. Zuerst mit der Regionalbahn durch die oberbayerische Sommerlandschaft, an Chiemsee und Traunstein vorbei, rüber nach Salzburg. Die ersten Ausflügler des Tages werden in Prien auf den Bahnsteig stolpern. Schon werden nervös die Wanderstöcke gezückt. Noch sind sich die drei Damen hinter mir offenbar uneins, wo es denn zuerst hingehen soll. Vielleicht doch noch mal vorher geschwind auf die Toilette? (Meine Damen, es wird Zeit!) Nachdem Dame 1 vom stillen Örtchen mit der klemmenden Tür zurückkam, verkündete sie ihren Begleiterinnen, dass man doch in einer knappen Dreiviertelstunde um die Fraueninsel gehen könnte. „Das ist doch gut zu schaffen!“ „Ah, Du willst auf die Fraueninsel?“ Dame 2 gibt sich kühl lächelnd überrascht. Ihr Unterton verrät, dass sie für die Fraueninsel so gar nicht zu begeistern ist. „Ich will überall hin“, gibt Dame 1 ihr freundlich aber bestimmt zur Antwort. Stille. (Es wird sicherlich ein ganz wunderbarer Ausflug, meine Damen!) Dame 1, offensichtlich auf der Suche nach einer Verbündeten, nach einer Weile zu Dame 3, die bis jetzt schweigend daneben saß. „Und Du?“ „Also mir wäre es am liebsten nach Seebruck.“ Stille. Dame 1 und 2 scheinen irritiert. Seebruck? Was wollen wir denn in Seebruck! Ob sich die Damen einigen konnten? Im Schwarm der Ausflügler sind sie, bewaffnet mit ihren Wanderstöcken, in Prien ausgestiegen. Ich grinse. Ich erinnere mich an eine Stelle in den Sportmärchen von Ödön von Horváth. Da heißt es bei den Mauerhakenzwergen am Ende: „Und es sind doch so sehr sympathische Leute!“
Wien empfing mich mit strahlendem Sonnenschein. Große Wiedersehensfreude! Nachdem ich mein Gepäck in meine Unterkunft bugsierte, mich häuslich einrichtete und ein wenig verschnaufte, erwarte mich gleich am ersten Abend ein wahres Theaterspektakel. Eine von Theaterlust und Wahnsinn beseelte Zauberflöte im Burgtheater! Das Ensemble um Nils Strunk und Lukas Schrenk brachte förmlich die heiligen Hallen am Ring zum Einstürzen. Der Zusehende märchenhaft verzückt staunte und vergaß Raum und Zeit. Was für ein gewitzter Abend, getragen von Spielfreude und Budenzauber, belebt von fein gezeichneten Figuren. Bitte, mehr davon! Was für ein Theaterglück! Das Publikum war am Ende ganz aus dem Häuschen. Stehende Ovationen. Nach der Vorstellung ausgiebiger Spaziergang durch das nächtliche Wien.

Das Burgtheater vom Volksgarten aus gesehen.
20. und 21. Juni 2023
An den kommenden Tagen steht mir ein wahrer Theatermarathon bevor! Am Ende meines Besuchs in Wien werde ich nicht weniger als sieben Inszenierung gesehen haben. Auf Die Zauberflöte folgte am Dienstag (20.6.) ein ganz auf die Musikalität des Ensembles aufbauender, aufbrausender Sturm, ein poetisch-melancholischer Shakespeare-Liederabend in der Regie von Thorleifur Örn Arnarsson. Eine Ode an das Theater, an das Märchen.
Ein ganz anderes Theatererlebnis offenbarte sich mir am 21.6. mit Die Ärztin, der aufsehenden Überschreibung von Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi des englischen Regisseurs und Dramatikers Robert Icke. Diese Adaption schont weder die Schauspieler*innen noch das Publikum. Schonungslos wird der Abend über Identitäten, Macht und Ausgrenzung mit einem rasenden Tempo vorangetrieben. Furios das Schlagwerk, mit welchem sich im Zusammenspiel mit dem Ensemble neue emotionale Räume auftun. Grandios Sophie von Kessel in der Titelrolle. Man muss sie erlebt haben! Ein Abend, der sich tief hineinbohrt, irritiert, verstört und mich atemlos-bewegt zurücklässt. Ich gehe hinaus in die Nacht, die sich Dank eines Gewitters etwas kühl gibt. Tief einatmend genieße ich die Ruhe, während ich auf das hell erleuchtete Café Landtmann hinüberschaue. Die Lichter der Nacht glitzern auf der noch feuchten Straße.
22. Juni 2023
„… und nach Sonnenuntergang war es noch derart drückend schwül, als hätte die Luft Fieber.“
(Ödön von Horváth aus „Der Herr Reithofer und sein Fräulein Agnes“)
Es sind heiße Sommertage in Wien. Ein trockner Wind fegt durch die Gassen. Daher gehören die noch etwas kühleren Vormittage dem Lesen und Notieren. Meistens schon während eines kleinen Frühstücks, bestehend aus Kaffee und Gebäck, nehme ich den Horváth zur Hand und lese. Zwischendurch vage Notizen von ersten Überlegungen, die ich für ein erstes Arbeitstreffen in der kommenden Woche festhalten möchte. Spätestens am frühen Nachmittag zieht es mich unweigerlich in die Stadt, trotz der stehenden Hitze zwischen den Häusern, um mich im Gewusel der Stadt treiben zu lassen. Wien tut mir gut. Ich genieße die Tage, den Rhythmus der Stadt.




Impressionen aus Wien im Juni 2023. Bilder v.l.n.r. Mozart-Denkmal im Burggarten, Blick auf das österreichische Parlament, Kunsthistorisches Museum und Aufgang in die Albertina.
23. Juni 2023
Ödön muss heute warten. Schneller Kaffee, ab in die Stadt; denn bereits am Vormittag gibts mit den Wutschweiger Theater, im Vestibül. „Jan Sobrie und Raven Ruëll erzählen in ihrem vielschichtigen Stück mit viel Humor und Wärme über soziale Ungerechtigkeit, Ohnmacht und die Wichtigkeit von Freundschaft.“ Ein unterhaltsamer Theatervormittag in der kleinen Spielstätte des Burgtheater. Um mich herum die Kleinen mit den großen Augen. Und plötzlich wirds ganz still, dann wenn Ebeneser und Sammy von ihrem zu Hause erzählen, von den unbezahlten Rechnungen, von dem täglichen Kampf der Familie ums Überleben. Traurig, berührende Momente. Ein wertvolles und wichtiges Stück für unsere Zeit. Nicht nur für die Kleinen. Nach einem kleinen Bummel rüber ins Museumsquartier verbringe ich den ganzen Nachmittag (draußen braute sich unterdessen ein abkühlendes Sommergewitter zusammen) im Museum Leopold. Endlich hat es mit einem Besuch geklappt. (Überhaupt stehen in Wien noch viele Museen aus!) Das Leopold Museum, das allein schon mit seiner weltweit größten Egon Schiele-Sammlung beeindruckt, beherbergt das Lebenswerk des großen Kunstsammlers und Mäzen Prof. Dr. Rudolf Leopold, dessen Sammlung hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Allen Wien Besucher*innen sei die vor wenigen Jahren neu konzipierte Dauerausstellung Wien um 1900 ans Herz gelegt. Mit dieser Präsentation schafft es das Leopold Museum eine einzigartige Erlebniswelt, die die Besucher*innen in die Atmosphäre der pulsierenden Zeit des Fin de Siècle eintauchen lässt. Ich habe förmlich Raum und Zeit vergessen. Demnächst werde ich mit Sicherheit in einem etwas ausführlicheren Blogbeitrag über die Ausstellung erzählen. Allein den Bildern von Egon Schiele, Richard Gerstl oder Oskar Kokoschka so nahe zu kommen, das allein lohnt schon den Besuch im Leopold Museum. Noch ganz in der Zeit um 1900 schwebend, eilte ich nach meinem Besuch durch den abendlichen Sommerregen zur U-Bahn, erwartete mich doch an diesem Tag noch eine willkommene räumliche Abwechslung:
Statt Burgtheater stand heute das Akademietheater mit der gefeierten Uraufführung von Adern von Lisa Wentz auf dem Programm. (Die zweite Geschichte an diesem Tag, die das „Schweigen“ zum Thema hatte.) Wentz erzählt in bester Horváth-Fleißer-Tradition von dem kargen Leben in den Nachkriegsjahren in Österreich. Ihr gelingen dabei still-beklemmende Szenen, die allein schon sprachlich eine Wucht sind. Ein zeitgenössisches Volksstück in klassischer Form erzählt, das das Unausgesprochene, das Schweigen in den Mittelpunkt stellt.
„Dort wo das Erz begraben, dort wo der Tag nie scheint,
dort wo die Knochen liegen, dort wo kein Himmel weint.“
(Lisa Wentz, „Adern“)

Einblick in einen Ausstellungsraum im Leopold Museum mit dem sitzenden Männerakt (Selbstdarstellung) von Egon Schiele, 1910.
Besondere Empfehlung für Kunstbegeisterte: Noch bis zum 10. September 2023 ist im Leopold Museum die Sonderausstellung Amazing – The Würth Collection zu sehen. *
24./25. Juni 2023
„Man braucht ja nix als Liebe und alles mögliche andere, und die Erde ist ein Paradies.“
(Johann Nepomuk Nestroy)
Seinen Geburtstag im Stillen in Wien feiern, gibts Entspannteres? Für mich, der nicht zu den größten Feierlaunigen zählt, hat sich das in diesem Jahr wunderbar gefügt, dass die horváthsche Arbeitswoche just am 24ten noch nicht zu Ende war und ich ohne großes Brimborium „meinen Tag“ begehen durfte. Als wunderbar unaufgeregte Geburtstags-Zeremonienmeisterin empfahl sich Anne Aschenbrenner. (Ganz lieben Dank dafür!) Völlig entspannt gestaltete sich der Samstag mit einem vormittäglichen Spaziergang durch den Schlosspark Schönbrunn, von der Gloriette hinunter in den von bereits mit Touristen gut bevölkerten Park, weiter zu einem kaiserlichen Mittagessen, bestehend aus Alt Wiener Suppentopf und Fiakergulasch. Auf dem Rückweg kurze Einkehr in der Konditorei. Denn was wäre Geburtstag ohne Torte? Ich entschied mich für herrlich süß-bröselnde Schaumrolle nebst einem großen Stück von der Esterházy-Torte. (Den für abends geplanten Malanzani-Auflauf haben wir zwar noch vorbereitet, dann allerdings aufgrund der Üppigkeit von Gulasch, Torte & Co auf Sonntagabend verschoben.) Das Geburtstagswochenende erreichte dann – wie konnte es anders sein – mit Ödön von Horváth im Burgtheater seinen Höhepunkt. (Ganz stilvoll von einer Loge aus „Kasimir und Karoline“ erlebt, in der Inszenierung von Mateja Koleznik.)
Am Sonntag zur kleinen Sommerfrische hinaus in die Reichenau/Rax. Ausgiebige Runde durch den Ort, der in sonntäglicher Stille vor sich hin dämmerte. In einer Woche werden die Festspielgäste einfallen. Nach einem mitgebrachten Picknick gabs vorzüglichen Eiskaffee im Garten der Reichenauer Schloss-Stube. Und wie plötzlich die Zeit verflog! Wir mussten doch tatsächlich am Ende des Rückwegs einen ordentlichen Zahn zulegen, den Berg hinauf, am Friedhof vorbei, zum Bahnhof laufen! Wie schnauften wir in der nachmittäglichen Hitze. Brustend, nach Luft schnappend, knapp und abgekämpft, erwischten wir noch unseren Zug zurück in die Stadt, atemlos. Derangiert ließen wir uns auf die Plätze fallen. Schon setzte sich die Bahn in Bewegung. Zurück in die Stadt. Dort am Abend im Burgtheater Drei Winter von Tena Štivičič, Regie Martin Kušej. Beklemmend. Eindringliche Bilder, die von Krieg, Heimat und Familie erzählen. Fesselnd. Hoch brisant.

Anne und ich auf der Gloriette im Schlosspark von Schönbrunn. Hinter uns Wien. (24.6.2023)






Impressionen vom Geburtstagswochenende in Wien. Oben drei Bilder von Gloriette und Schloss Schönbrunn. Unten drei aus der Reichenau mit Rax und Schloss Reichenau.
Ich verfolge in diesen Tagen nur mit einem Auge das weltpolitische Geschehen. Die heutigen (24.6.) Ereignisse in Russland überschlagen sich. Aktuelle Meldungen am Morgen, die ich doch geschwind im Journal notiere: Prigoschin, der Anführer der Wagner-Gruppe und entschiedener Gegner des russischen Verteidigungsminister, hat mit seinen Männern die Grenze nach Russland überschritten. Gestern noch rief er zu einem „Marsch der Gerechtigkeit“ auf. Er forderte mit markigen Worten die Russen zur Auflehnung gegen die russische Militärführung auf, nachdem er dieser zuvor die Bombardierung seiner Truppen vorgeworfen hatte. Angeblich sei eine große Zahl an Wagner-Kämpfern getötet worden. Der innere Machtkampf zwischen dem russischen Militärunternehmer Prigoschin und der Staatsführung in Moskau schwelt immer weiter. In der Nacht Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen in Moskau. Schützenpanzer vor der Duma. Wagner-Einheiten sollen das südrussische Rastow erreicht haben. Der russische Machthaber P. schwört Vergeltung und verspricht den „Verrätern“ harte Strafen. Im russischen Gebiet um Woronesch werden Kämpfe gemeldet. Steht ein Staatsumsturz bevor? Den ganzen Tag über eine unklare Lage. Die Meldungen überschlagen sich. Am frühen Abend dann eine Meldung aus Belarus. Wagner-Chef Prigoschin hat sich nach Angaben des belarusischen Präsidalbüros bereit erklärt, den Vormarsch seiner Kämpfer in Russland zu stoppen. Gegen halb zehn Uhr meldet die ARD in ihrem Liveticker den Abzug der Wagner-Truppen aus Rastow. – Gleichzeitig in der Nacht vom 23./24.6. Luftalarm für die gesamte Ukraine. Tote nach russischen Angriffen auf Kyiv. Selenskyj ruft in einer Ansprache die Russen zum Sturz von Präsident P. auf. Der Krieg geht unvermindert weiter.
27. Juni 2023
Ein letzter Abendspaziergang durch die Josefstadt. Ein letztes Flanieren durch die Gassen. Noch ein paar Bilder für die Horváth-Recherche (Lange Gasse, Josefstädter Straße, Piaristengasse). Hier im achten Bezirk von Wien fand Ödön von Horváth für eines seiner berühmtesten Dramen seine Inspirationen: Geschichten aus dem Wiener Wald. Hier machte er sich auf die Spurensuche nach seiner Marianne, dem Oskar, dem Alfred. Wer will, kann noch heute dem Zauberkönig begegnen.

Die neogotische Votivkirche im Alsergrund in der Abenddämmerung.
28. Juni 2023, Abreisetag
Viel zu schnell sind die Tage in Wien vergangen. Schon sitzen Anne und ich beim letzten Frühstück im Ignaz & Rosalia auf dem Meidlinger Markt. Zum versüßen des Abschieds mürbes Kipferl, feine Marillenmarmelade und eine Melange. Mit vielen Inspirationen, neuen Eindrücken und Begegnungen, ersten Ideen für den Horváth gehts mittags zurück ins Oberbayerische. Mit Sicherheit wird diesmal eine Rückkehr nach Wien nicht lange auf sich warten lassen. Die Zugfahrt lesend in den Sechsunddreißig Stunden verbracht.

Ein kleines Frühstück zum Abschied mit mürben Kipferl und Marillenmarmelade, Joghurt und Melange.
Besonderer Tipp für ein Frühstück in angenehmer Atmosphäre, abseits der Touristenströme:
Ignaz & Rosalia, Das Kaffeehaus am Meidlinger Markt, Meidlinger Markt 37, 1120 Wien, Stand 35-40*
Am Rande notiert:
„Das sollt‘ man sich aufnotieren!“ Das Motto für diesen Juni habe ich mir natürlich von Ödön von Horváth ausgeliehen. An Ödön von Horváths überlieferten Ausspruch aus einer Unterredung zwischen Max Reinhardt, Walter Mehring und ihm, erinnerte ich mich, als ich zu Beginn des Monats meine Tagesschnipsel wieder aufnahm, gleichzeitig die Arbeit an meinem neuen Horváth-Projekt vorbereitete und meine Arbeitswoche in Wien organisierte:
Im November 1932 plante Regisseur Max Reinhardt für das Deutsche Theater Berlin eine Silvesterrevue mit Texten von Ödön von Horváth und Songs von Walter Mehring, einem der bedeutendsten satirischen Autoren der Weimarer Republik. Reinhardt bestellte die beiden Schriftsteller in das Theater ein und meinte zu Horváth: „Was meinen Sie dazu, Herr von Horváth?“ „Süperb!“ meinte Horváth. „Und Sie, Herr Mehring? Sie haben sich noch gar nicht geäußert?“ „Großartig!“, versicherte Mehring. „Vorzüglich … falls es noch zu einer Aufführung kommen sollte … mit einem … Führer … ante portas …“ „Einem Reinhardt wird man nichts tun!“ durchbrach Deutschlands angesehenster Regisseur das Schweigen. „Das sollt’ man sich aufnotieren!“ flüsterte der neben Walter Mehring sitzende Ödön von Horváth.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste Max Reinhardt Deutschland zunächst Richtung Österreich verlassen. „Der Entschluss, mich endgültig vom Deutschen Theater zu lösen, fällt mir naturgemäß nicht leicht. Ich verliere mit diesem Besitz nicht nur die Frucht einer 37jährigen Tätigkeit, ich verliere vielmehr den Boden, den ich ein Leben lang gebaut habe und in dem ich selbst gewachsen bin. Ich verliere meine Heimat.“ Nach seiner letzten Inszenierung in Österreich im Oktober 1937 emigrierte Max Reinhardt in die Vereinigten Staaten. Am 15. März 1938 verkündete Hitler vor einer brüllenden Masse auf dem Wiener Heldenplatz den „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich.
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